Altbekannt: Antioxidantien schützen nicht vor Krebs

Das wissen wir schon seit den 90er Jahren. Damals dachte man noch, mit den klassischen Antioxidantien Vitamin A, Beta-Carotin und Vitamin E könnte man Krebs verhindern. Wurde dann in der berühmten Caret-Studie sowie der ATBC-Studie wiederlegt. Das Krebsrisiko wurde nicht gesenkt. Bei starken Rauchern erhöhte hochdosiertes Beta-Carotin sogar gering das Lungenkrebsrisiko. (1)

Wissen wir also seit dem letzten Jahrtausend. Nichts neues. Trotzdem wurde dann nochmal eine Studie, die Select Studie Anfang des Jahrhunderts durchgeführt: Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT). (2) Auch diese Studie versagte, was die Krebsprävention angeht. Vitamin E und Selen schützen nicht vor Prostatakrebs. Nur Vitamin E alleine, erhöhte sogar ein wenig das Risiko. Jedoch wurde leider nur das unnatürlich einzelne Alpha-Tocopherol untersucht. Wie wir letztens schon erwähnt haben, sind aber alle 8 Vitamin E Untereinheiten für einen positiven Effekt (4 Tocopherole und 4 Tocotrienole) nötig. (3).

Diese 3 Studien werden fast wöchentlich in der Laienpresse wiederholt, immer mit der Intention Vitamine und gleich pauschal ALLE Nahrungsergänzungsmittel (NEM) in ein schlechtes Licht zu führen. Wie zuletzt in der Welt am Sonntag. Leider wird dann aber nicht die ganze Geschichte erzählt. Vergessen wird gerne, dass:

  • Folsäure signifikant das Risiko für Herzinfarkt, Kolonkrebs und Neuralrohrdefekte senkt: eindeutig bewiesen an 200 Millionen Amerikanern (wo Folsäure wegen des Mangels seit 1998 der Nahrung zugeführt wurde). Rechnerisch kam es hierdurch zu einer Vermeidung von Herzinfarkten in 88.172 Fällen, einer Vermeidung von 38.805 Fällen von Dickdarmkrebs und einer Vermeidung von Neuralrohrdefekten in 1423 Fällen, jeweils pro Jahr! (4). Das Risiko für Schlaganfälle ist in den USA nach der Folsäurefortifikation 1998 in nur kurzer Zeit zwischen 1998 und 2002 um 2,9 % gesunken. (5) Eine gezielte Supplementation von Folsäure konnte in dieser Metaanalyse (6) eine Risikoreduktion für Schlaganfälle um 11 % aufzeigen.
  • Zink das Risiko von Bauchspeicheldrüsenkrebs senken kann (7). In der EPIC Studie ein klarer Zusammenhang gezeigt wurde: je höher der ZinkSpiegel im Blut, desto geringer das Risiko für Dickdarmkrebsentstehung (8). Geringeres Lungenkrebsrisiko durch Zink (9). Ein höherer Zinkstatus war hier (10) mit einem deutlich niedrigeren Speiseröhrenkrebsrisiko assoziiert. Und weil uns das noch nicht reicht, hier nochmal eine Meta-Analyse (11) die ein vermindertes Krebsrisiko für gastrointestinale Tumoren zeigt, je höher die Zinkaufnahme war.
  • Vitamin D das gesamte Krebsrisiko senkt. Vielfach in hunderten Studien gezeigt. Musss man gar nicht mehr viel dazu sagen, glaube ich (12). Insgesamt senkt Vitamin D das Krebsrisiko statistisch signifikant in einer MetaAnalyse aus 159 Studien (13).
  • Grüntee vor Krebs schützt haben wir gerade letztens erst ausführlich besprochen und mit Studien belegt.
  • Curcuma positive Wirkungen gegen Krebs hat, haben wir auch schon gehört.

 

Warum Vitamin A eher negativ in der Krebsprophylaxe ist, scheint an einer antagonistischen Wirkung zum Vitamin D zu liegen. Nimmt man also genug Vitamin D zu sich, braucht man sich auch keine Sorgen um das Vitamin A zu machen (14, 15, 16, 17). Leider wurde das Vitamin D in den 3 Studien Caret, ATBC und Select nicht berücksichtigt.

Wir fassen zusammen: die 3 Antioxidantien Vitamin A, Beta-Carotin und Alpha-Tocopherol schützen kurzfristig nicht vor Krebserkrankungen. Seit 30 Jahren bekannt.

Wir wissen, dass es von der Schädigung der einzelnen Zelle (z. B. durch freie Radikale oder Strahlung), also der Zellmutation einer einzelnen Zelle bis zum Auftreten der Krebserkrankung (= Latenzzeit) im Durchschnitt ca. 20 Jahre braucht (je nach Krebsart ca. 2 - 60 Jahre) (22). Heißt, Antioxidantien müsste man VOR diesen 20 Jahren nehmen, um die Zellschädigung zu verhindern. Deshalb kann es in den Studien die 5 oder 10 Jahre gehen, gar nicht zu einem positiven Effekt kommen. Im Gegenteil, wenn einzelne Krebszellen schon da sind, können diese durch oxidativen Stress zerstört werden. Antioxidantien würden in diesem Fall die Krebszellen eher schützen, wie andere Zellen auch. Daher kann in diesem Fall auch oxidativer Stress positiv sein. Vor allem in der Krebsbehandlung. Daher führen wir auch in der komplementären Krebsbehandlung Hochdosis Vitamin C Infusionen durch. 2 - 3 mal pro Woche 75 GRAMM (nicht Milligramm) intravenös (18). In einer Dosis von über 15 Gramm Vitamin C hat Vitamin C keine anti-oxidative Wirkung mehr, sondern eine pro-oxidative Wirkung. Die pro-oxidative Wirkung von Vitamin C scheint die Antikrebs-Wirkung auszumachen (19). Oxidantien zerstören Krebszellen (21). Sport ist übrigens auch ein starker oxidativer Stress. Kann also auch Krebszellen zerstören. Insgesamt brauchen wir beides (20). Mal das eine, mal das andere. Pro- und Anti-Oxidantien.

Dass Antioxidantien meist in der Krebstherapie und kurzfristigen Krebsprophylaxe keine Wirkung haben ist eigentlich logisch. Schade, dass das die Journalisten in der Laienpresse noch nicht wissen und uns wöchentlich mit neuen Artikeln über die angeblich negativen Wirkungen gleich ALLER NEM´s belästigen. Und leider dann auch hunderte andere Studien (wie oben aufgezeigt) über die positiven Wirkungen von Mikronährstoffen unterschlagen. Und eben nur die 3 Mikronährstoffe von den 50 essentiellen Nährstoffen erwähnen, nämlich die Antioxidantien A, Betacarotin und E erwähnen und dem Leser dann aber suggerieren, auch die 47 anderen essentiellen Nährstoffe wären unnütz. Wie schon in dem Artikel  „NEM differenziert betrachten“ erwähnt, kommt es da schnell zu einem statistischen Denkfehler. 3 Vitamine haben in einem Bereich (Krebs) vielleicht keine positive Wirkung, aber dass 47 andere in jeweils z. B. in 10 Bereichen positive Wirkungen haben, wird dann schnell vergessen oder verdrängt. Also 3 negative Wirkungen im Vergleich zu 470 positiven Wirkungen! Sowas würde ich mal als schweren journalistischen Fauxpas bezeichnen, oder einfach Unwissenheit.

Wir merken uns: 3 Studien (Caret, ATBC, Select) stehen nicht repräsentativ für tausende andere Studien. 2 der essentiellen NEM stehen nicht für alle 50 essentiellen NEM. Vitamin A und E schützen nicht vor Krebs. Anstatt das alleinige alpha-Tocopherol hochdosiert einzunehmen, empfehlen wir aus besagten Gründen besser die Kombination aller 8 Toco-pherole/-trienole. Raucher haben ein um 1000 % erhöhtes Lungenkrebsrisiko im Vergleich zu Nichtrauchern. Starke Raucher die Megadosen an Betacarotin (20 mg) einnehmen hatten in der Caret-Studie ein um weitere 25 % erhöhtes Lungenkrebsrisiko. Daher sollten Raucher kein Beta-Carotin in Megadosen von 20 mg täglich einnehmen, sondern unter 6 mg täglich bleiben. Darunter gab es keine negativen Effekte. Punkt. Thema erledigt. Vitamin A und Beta-Carotin so oder so nicht überdosieren. Wer Vitamin A nimmt, sollte wie oben erwähnt auch Vitamin D einnehmen. Das war´s auch schon, was man wissen muss. Mit dem Wissen kann man nun in Zukunft alle diese schlecht recherchierten und mit Halbwahrheiten gepickten Zeitungsartikel, in der Regel von Nicht-Fachleuten geschrieben, getrost gleich in den Müll werfen.

 

 

 

  1. J Natl Cancer Inst. 1996 Nov 6;88(21):1560-70.Alpha-Tocopherol and beta-carotene supplements and lung cancer incidence in the alpha-tocopherol, beta-carotene cancer prevention study: effects of base-line characteristics and study compliance.Albanes D1, Heinonen OP, Taylor PR, Virtamo J, Edwards BK, Rautalahti M, Hartman AM, Palmgren J, Freedman LS, Haapakoski J, Barrett MJ, Pietinen P, Malila N, Tala E, Liippo K, Salomaa ER, Tangrea JA, Teppo L, Askin FB, Taskinen E, Erozan Y, Greenwald P, Huttunen JK.
  2. JAMA. 2011 Oct 12;306(14):1549-56. doi: 10.1001/jama.2011.1437.Vitamin E and the risk of prostate cancer: the Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT).Klein EA1, Thompson IM Jr, Tangen CM, Crowley JJ, Lucia MS, Goodman PJ, Minasian LM, Ford LG, Parnes HL, Gaziano JM, Karp DD, Lieber MM, Walther PJ, Klotz L, Parsons JK, Chin JL, Darke AK, Lippman SM, Goodman GE, Meyskens FL Jr, Baker LH.
  3. Cancer Prev Res (Phila). 2012 May;5(5):701-5. doi: 10.1158/1940-6207.CAPR-12-0045. Epub 2012 Apr 3.Does vitamin E prevent or promote cancer?Yang CS1, Suh N, Kong AN.
  4. Public Health Nutr. 2009 Apr;12:455-67. doi: 10.1017/S1368980008002565. Epub 2008 Jul 1.A cost-effectiveness analysis of folic acid fortification policy in the United States.Bentley TG1, Weinstein MC, Willett WC, Kuntz KM.
  5. Circulation. 2006 Mar 14;113(10):1335-43.Improvement in stroke mortality in Canada and the United States, 1990 to 2002.Yang Q1, Botto LD, Erickson JD, Berry RJ, Sambell C, Johansen H, Friedman JM.
  6. Neurology. 2017 May 9;88(19):1830-1838. doi: 10.1212/WNL.0000000000003909. Epub 2017 Apr 12.Meta-analysis of folic acid efficacy trials in stroke prevention: Insight into effect modifiers.Zhao M1, Wu G1, Li Y1, Wang X1, Hou FF1, Xu X1, Qin X2, Cai Y2.
  7. Biosci Rep. 2017 Jun 8;37(3). pii: BSR20170155. doi: 10.1042/BSR20170155. Print 2017 Jun 30.The association between dietary zinc intake and risk of pancreatic cancer: a meta-analysis.Li L1, Gai X2.
  8. Carcinogenesis. 2017 Jul 1;38(7):699-707. doi: 10.1093/carcin/bgx051.Pre-diagnostic copper and zinc biomarkers and colorectal cancer risk in the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition cohort.Stepien M1, Jenab M1, Freisling H1, Becker NP1, Czuban M1, Tjønneland A2, Olsen A2, Overvad K3, Boutron-Ruault MC4,5, Mancini FR4,5, Savoye I4,5, Katzke V6, Kühn T6, Boeing H7, Iqbal K7, Trichopoulou A8,9, Bamia C8,9, Orfanos P8,9, Palli D10, Sieri S11, Tumino R12, Naccarati A13, Panico S14, Bueno-de-Mesquita HBA15,16,17,18, Peeters PH19,20, Weiderpass E21,22,23,24, Merino S25, Jakszyn P26,27, Sanchez MJ28,29, Dorronsoro M29,30, Huerta JM29,31, Barricarte A29,32,33, Boden S34, van Guelpen B34, Wareham N35, Khaw KT36, Bradbury KE37, Cross AJ17, Schomburg L1, Hughes DJ38.
  9. Int J Cancer. 2007 Mar 1;120(5):1108-15.Dietary zinc, copper and selenium, and risk of lung cancer.Mahabir S1, Spitz MR, Barrera SL, Beaver SH, Etzel C, Forman MR.
  10. Middle East J Dig Dis. 2014 Oct;6(4):177-85.Systematic review of zinc biomarkers and esophageal cancer risk.Hashemian M1, Hekmatdoost A2, Poustchi H3, Mohammadi Nasrabadi F4, Abnet CC5, Malekzadeh R6.
  11. Clin Nutr. 2014 Jun;33(3):415-20. doi: 10.1016/j.clnu.2013.10.001. Epub 2013 Oct 10.Association between zinc intake and risk of digestive tract cancers: a systematic review and meta-analysis.Li P1, Xu J1, Shi Y2, Ye Y1, Chen K1, Yang J3, Wu Y4.
  12. Curr Nutr Rep. 2019 May 4. doi: 10.1007/s13668-019-0262-5. [Epub ahead of print]Vitamin D3 from Ultraviolet-B Exposure or Oral Intake in Relation to Cancer Incidence and Mortality.Grant WB1, Moukayed M2.
  13. Cochrane Database Syst Rev. 2014 Jan 10;(1):CD007470. doi: 10.1002/14651858.CD007470.pub3.Vitamin D supplementation for prevention of mortality in adults.Bjelakovic G1, Gluud LL, Nikolova D, Whitfield K, Wetterslev J, Simonetti RG, Bjelakovic M, Gluud C.
  14.  Cancer Causes Control. 2012 Sep;23(9):1557-65. doi: 10.1007/s10552-012-0033-8. Epub 2012 Jul 25.Serum 25-hydroxyvitamin D, vitamin A, and lung cancer mortality in the US population: a potential nutrient-nutrient interaction.Cheng TY1, Neuhouser ML.
  15.  Eur J Nutr. 2016 Feb;55(1):393-402. doi: 10.1007/s00394-015-0860-y. Epub 2015 Feb 21.The inverse association between serum 25-hydroxyvitamin D and mortality may be modified by vitamin A status and use of vitamin A supplements.Schmutz EA1, Zimmermann MB1, Rohrmann S2.
  16.  Nutrients. 2015 Mar 10;7(3):1716-27. doi: 10.3390/nu7031716.Vitamin A intake, serum vitamin D and bone mineral density: analysis of the Korea National Health and Nutrition Examination Survey (KNHANES, 2008-2011).Joo NS1, Yang SW2, Song BC3, Yeum KJ4.
  17.  J Bone Miner Res. 2001 Oct;16(10):1899-905.Vitamin A antagonizes calcium response to vitamin D in man.Johansson S1, Melhus H.
  18. PLoS One. 2012; 7(1): e29794. Published online 2012 Jan 17. : 10.1371/journal.pone.0029794PMCID: PMC3260161PMID: 22272248Phase I Evaluation of Intravenous Ascorbic Acid in Combination with Gemcitabine and Erlotinib in Patients with Metastatic Pancreatic CancerDaniel A. Monti, 1 Edith Mitchell, 2 Anthony J. Bazzan, 1 Susan Littman, 2 George Zabrecky, 1 Charles J. Yeo, 3 Madhaven V. Pillai, 2 Andrew B. Newberg, 1 Sandeep Deshmukh, 4 and Mark Levine 5 , * Jose Luis Perez-Gracia, Editor
  19.  Arch Oral Biol. 2013 Jun;58(6):563-74. doi: 10.1016/j.archoralbio.2013.01.016. Epub 2013 Mar 8.Ascorbic acid and its pro-oxidant activity as a therapy for tumours of oral cavity -- a systematic review.Putchala MC1, Ramani P, Sherlin HJ, Premkumar P, Natesan A.
  20. Cancer Biol Ther. 2008 Dec;7(12):1875-84. Epub 2008 Dec 24.Cancer cell killing via ROS: to increase or decrease, that is the question.Wang J1, Yi J.
  21. Free Radic Biol Med. 2017 Mar;104:144-164. doi: 10.1016/j.freeradbiomed.2017.01.004. Epub 2017 Jan 11.Reactive oxygen species and cancer paradox: To promote or to suppress?Galadari S1, Rahman A2, Pallichankandy S3, Thayyullathil F4.
  22. https://www.hindawi.com/journals/aep/2014/746769/tab2/

 

 

 


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Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

8 Kommentare
  • Marina S. vor 1 Monat
    Das wusste ich so noch nicht. Herzlichen Dank für diesen verständlich ausgeführten Bericht. Liebe Grüsse
  • Uli S. vor 4 Monaten
    Klare Aussage ... Endergebnis 47 : 3 für Nems Weiter so Volker !!!
  • Mare Fueldner vor 4 Monaten
    Vielen Dank lieber Dr.Volker, wieder ein sehr informativer Artikel. Aber welches Vitamin E gibt es denn, dass die Kombination aller 8 Toco-pherole/-trienole enthält?
  • Nadine G. vor 4 Monaten
    Vielen Dank für den Bericht. Habe neulich schon mit den Augen gerollt als ich in einer anderen Fachpresse so einen Bericht von wegen "NEM's pöse" gesehen habe.
  • Agne vor 4 Monaten
    Sehr informativ und verständlich erklärt. Vielen Dank!
  • Theo vor 4 Monaten
    Danke für diesen Artikel. Ist eine sehr umfassende Antwort auf meine Frage, bezüglich des Berichtes in der Welt am Sonntag. Vielen lieben Dank
  • Martina vor 4 Monaten
    Einfach immer wieder gerne ein herzliches Dankeschön für das Bemühen uns immer wieder sehr sachlich und vor allem qualitativ hochwertig zu informieren und uns damit gegen schlecht recherchierte Artikel immun zu machen.
  • Angelika H. vor 4 Monaten
    Vielen herzlichen Dank, Dr. Volker, für diesen ausführlichen Bericht! Bin wieder ein bischen schlauer geworden...

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