Chronische Hyperventilation - falsche Atmung

Chronische Hyperventilation

Unsere Atmung stellt von den Körperfunktionen eine Besonderheit dar. Viele Funktionen laufen von alleine ab. Der Herzschlag, die Verdauung, der Blutfluss in unseren Gefäßen, die Hormonfunktionen, u.v.m. Diese Prozesse werden von unserem vegetativen Nervensystem gesteuert. Wir können sie zunächst nicht direkt beeinflussen. Sie laufen automatisch (Außer man trainier das gezielt, z.B. durch autogenes Training). Aber meistens läuft das alles eben ganz von selbst. Unsere Muskeln, die Arme, Beine, etc. können wir dagegen ganz normal willentlich steuern. Das nennen wir das somatische Nervensystem. Die Atmung ist nun deshalb besonders, weil sie meistens von alleine läuft, jeder sie aber auch willentlich jederzeit steuern kann. Zum Glück läuft sie meistens von alleine, wäre ja doof, wenn wir sie immer willentlich steuern müssten, das aber dann mal z.B. im Schlaf vergessen würden.

Unsere Atmung ist also meistens ein Automatismus, den wir aber auch jederzeit in willentliches Ein-und Ausatmen aktiv gestalten können. Und da liegt oft mal ein Problem. Haben wir z.B. Angst, sind aufgeregt oder unter Stress beschleunigt sich die Atmung. Ebenso bei großer Anstrengung. Ist auch gut so, da in solchen Situationen mehr Sauerstoff verbraucht wird. Da wir die Atmung aber leicht willentlich beeinflussen können, passiert das auch oft aktiv in solchen Situationen. Die Atmung wird beschleunigt, obwohl es vielleicht gar nicht nötig ist. Wir Hyperventilieren. Also atmen zu viel. Das kennt jeder, wenn er mal ein paar Luftballons aufgepustet hat. Da kann es einem schon mal schlecht oder schwindelig werden.

Hyperventilation führt zu einer vermehrten Sauerstoffaufnahme und einer vermehrten Kohlendioxidabgabe. Verbrauchen wir aber gar nicht den ganzen Sauerstoff, so bleibt er in den Blutgefäßen. Die Weite der Blutgefäße wird durch den Sauerstoffgehalt reguliert. Wenig Sauerstoff vorhanden – die Blutgefäße weiten sich. Um die Durchblutung zu erhöhen, um mehr Sauerstoff an die Zellen zu bringen. Umgekehrt, viel Sauerstoff im Blut, die Gefäße verengen sich. Verengte Gefäße, vor allem im Gehirn macht Schwindel, Ohrensausen, Übelkeit, Sehstörungen. Enge Blutgefäße in der Netzhaut im Auge führt dazu, dass einem Schwarz vor den Augen wird. Die vermehrte Abatmung von Kohlendioxid führt zu einem Anstieg des pH, also zu einer Alkalisierung des Blutes. Im alkalischen Milieu ist weniger freies Calcium vorhanden. Also relativer Calciummangel im Blut. Calciummangel führt zu Muskelkrämpfen und Mißempfindungen, also Kribbeln oder Taubheit, vor allem um den Mund herum und an den Händen und Füssen.

Damit haben wir die Symptome einer Hyperventilation physiologisch erklärt. Zusammengefasst kann eine chronische Hyperventilation eines oder mehrere der folgenden Symptome machen:

Kopfschmerz

Schwindel

Muskelkrämpfe (vor allem der Finger, sogenannte Pfötchenstellung der Finger, Mundwinkelzuckungen)

Angstgefühle

Müdigkeit, Benommenheit, Vergesslichkeit, Reizbarkeit

Schwitzen, kalte Hände, kalte Füsse, Harndrang

Das Gefühl nicht tief Einatmen zu können, „nicht richtig durchatmen zu können“

Gähnen, Seufzeratmung

Gefühl von Luftnot

Engegefühl im Brustkorb

Magen-Darm Beschwerden durch vermehrte Luft im Bauch, dadurch Aufstoßen, Völlegefühl, vermehrt Blähungen

Nackenschmerzen durch vermehrte Anstrengung der Atemhilfsmuskulatur

 

Alles klassisch in der Medizin bekannt bei akuter Hyperventilation. Oder bei der gewollten Hyperventilation (viele Luftballons aufpusten) oder bei Panikattacken.

Nun gibt es aber auch Menschen, die dauerhaft, also chronisch Hyperventilieren. Unbewusst. Das führt dazu, dass diese Symptome in leicht abgeschwächter Form auch ständig vorhanden sein können. Ständig Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Muskelkrämpfe, Angstgefühle, etc.

Häufig ausgelöst durch chronischen Stress, Angstgefühle aber auch unbewusste Vorgänge die man aktuell gar nicht bemerkt. Oder durch falsche Atemtechniken.

Besonders gut gegen die Beschwerden hilft da übrigens anstrengender Sport. Der überflüssige Sauerstoff wird dann verbraucht und die Symptome verschwinden. Auch wenn das bei solchen Beschwerden erstmal schwer fällt. Man fühlt sich ja unwohl, hat das Gefühl nicht tief einatmen zu können und meidet dann natürlich den Sport. Wer das dann aber einfach mal macht, bemerkt dass es ihm unter Belastung besser geht. Bei einem akuten Hyperventilations-Anfall also erstmal „Jumping-Jacks“ (=Hampelmann Übung).

Trotzdem sollte man aber natürlich auch bei der Atmung in Ruhe etwas verändern. Man kann ja keine 24 Stunden Sport treiben.

Was häufig noch zu einer chronischen Hyperventilation dazukommt ist eine falsche Atemtechnik. Viele machen dauerhaft eine sogenannte paradoxe Atmung. Normalerweise sollte sich beim Einatmen der Bauch nach außen vorwölben. Beim Ausatmen sollte der Bauch nach innen gezogen werden, sprich der Bauchnabel Richtung Wirbelsäule. Bei der paradoxen Atmung ist das genau anders herum. Da wird nicht in den Bauch, sondern in den Brustkorb geatmet. Heißt, diejenigen mit paradoxer Atmung heben den Brustkorb mit Hilfe der Atemhilfsmuskulatur (setzt Teilweise an der Halswirbelsäule an). Diese haben daher auch häufig chronische Nackenschmerzen (Umgekehrt -gibt  Studien die das untersucht haben, sowie sehr eindrücklich aus eigenen Erfahrungen in meiner Praxis - haben sehr viele Menschen mit chronischen Nackenschmerzen eine paradoxe Atmung). Um zu sehen, wie man atmet, kann man sich einfach mal bequem vor den Spiegel stellen und schauen, ob der Bauch beim Einatmen herausgestreckt oder eingezogen wird. Oder man legt sich auf den Rücken, legt eine Hand auf den Bauch und schaut, ob sich die Hand beim Einatmen hebt oder senkt. Und genau in dieser Position kann man das auch üben. Aktiv üben, dass die Hand sich beim Einatmen hebt und beim Ausatmen senkt. Wer chronisch falsch atmet, kann das durch regelmäßiges Üben auch wieder korrigieren. (Hier gibt es auch ein Video zu der korrekten Atmung: unterstes Video von den HWS Übungen).

Wie wir sehen, ist falsche Atmung, zu viel (Hyperventilation) und falsch (paradoxe Atmung) ein sehr häufiges Problem und macht viele verschiedene Beschwerden. Daher sind die meisten Mediationstechniken auch sehr auf die Atmung fokussiert.

Als kleine Übung, gegen falsches und zu viel atmen und auch meiner Meinung nach einfachste Meditationsübung die jeder mal gegen Stress und Unwohlsein durchführen kann folgende:

Man setze sich bequem aufs Sofa oder einen Stuhl. Nehme eine Uhr und misst genau 1 Minute. In dieser Minute sollte man versuchen, so WENIG Atemzüge wie möglich durchzuführen. Zählen Sie die Atemzüge. Üben Sie, so wenig Atemzüge wie möglich in dieser einen Minute durchzuführen. Wichtig dabei: Ruhe und Entspannung. Sie werden merken, wie Sie sich jeden Tag ein wenig verbessern. Die Übung ist einfach durchzuführen und dauert nur eine Minute. Alle reden von den positiven Effekten von Meditation. Und viele denken, das muss kompliziert sein. Ist es nicht. So einfach kann man die positiven Effekte von Mediation erleben. Eine Minute so wenig Atemzüge wie möglich. Einfach und effektiv. So mögen wir das.

Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

3 Kommentare
  • Aha, das ist ja sehr interessant, vor allem, weil ich das bei mir selbst schon beobachtet habe: habe ab und an Schwindel (allerdings ohne organische Ursachen), und habe dabei immer das Gefühl gehabt, dass mit meiner Atmung was nicht stimmt. Werde jetzt mal üben und mich selber beobachten!
  • Renate G. vor 2 Jahren
    Danke,? Sehr interessant!!!
  • Diana W. vor 2 Jahren
    Sehr informativ, die Meditationsübung werde ich gleich testen!

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