Eiweiß und Nieren

Auch wenn dieses Thema und die Sorge, Eiweiß würde die gesunden Nieren schädigen, für mich schon seit langem ad acta gelegt werden konnte, so ist es leider immer noch in den Köpfen vieler Menschen und auch vieler Kollegen. Leider wird auch bei diesem Thema wieder fälschlicherweise pauschalisiert. Ich hatte letztens schon einmal beim Thema Vitamine erwähnt, dass pauschale Aussagen gerade in der Medizin oft falsch sind. Man darf nicht einfach sagen, Vitamine gut, Vitamine schlecht oder Eiweiß für die Nieren gut oder schlecht. Solche pauschalen Aussagen, alles über einen Kamm zu scheren, ist so gut wie immer falsch. Und sehr unwissenschaftlich. Wir wollen es genau wissen. Wann gut, wann schlecht, in welcher Form gut, in welcher Form weniger gut, usw. Details und echtes Wissen. Keine pauschalen Schlachtrufe, so wie in den Medien.
Da wurde in Studien gesehen, dass Nierenkranke, aber nur Nierenkranke, mit einer (völlig unklar in welcher Form) eiweißreichen Ernährung eine Korrelation mit einer schneller schlechter werdenden Nierenfunktion zeigten. Punkt. Das führte zu der pauschalen Aussage, Eiweiß würde die Nieren schädigen. Leider zu pauschal, zu ungenau, zu polemisch, unkorrekt. Zu diesem Thema gibt es noch viel, viel mehr zu sagen. Aber bis das überall angekommen ist dauert es noch lange. Wie wir wissen, dauert es in der Medizin immer mindestens eine Generation, also 25 Jahre, bis sich neues Wissen weit verbreitet und bei allen angekommen ist. UNS interessiert aber nicht, woher kommt das alte Wissen, warum hält es sich so lange und wieso bilden sich viele zu diesem Thema heutzutage nicht fort? Nein. Uns interessiert eigentlich nur, was wirklich richtig ist. Was macht Eiweiß mit den Nieren? Können wir bedenkenlos viel Eiweiß zu uns nehmen? Nur das will man doch eigentlich wissen. Nicht woher, wieso, warum so viele Meinungen und altes Wissen immer noch kursieren. Uns interessiert also nur das, was tatsächlich ist. Also die WISSENSCHAFT. Dann mal los:
Zunächst zur Niere. Was machen eigentlich die Nieren? Unsere Nieren sind Filter. Sie filtrieren das Blut und entfernen überflüssige Substanzen daraus. Dieses Filtrat wird dann aus dem Körper ausgeschieden. In Form von Urin.
Dieser Filter, die kleinste Einheit der Niere, ist das Glomerulum, welches eine gefensterte Wand hat. Elektronenmikroskopisch sieht das so aus:


Diese „gelöcherte Wand“, also diesen Filter nennt man auch glomeruläre Basalmembran.
Schematisch sieht das ganze so aus:

Oben fließt das Blut durch. Über die Basalmembran werden kleine Partikel und vor allem Wasser filtriert und landen im Urin. (Die Niere kann sehr, sehr viel leisten. Es werden täglich ca. 160 Liter Primärharn produziert. Also 160 Liter filtriert. Das meiste davon wird natürlich wieder zurückresorbiert. Bis auf ca. 2 Liter Urin. Der geht verloren. Die Niere leistet großes. 160 Liter pro Tag. Und da gibt es tatsächlich einige, die meinen, viel Trinken belaste die Nieren. Also ob es für die Niere einen Unterschied macht, ob sie 160 Liter oder 163 oder 165 Liter filtriert???? Jetzt mal ehrlich)

So funktioniert im Prinzip die Filterung und Säuberung unseres Blutes durch die Niere. Der wichtige Bestandteil, der Filter, also die Basalmembran besteht übrigens aus Kollagen (=Eiweiß). Leider kann die Basalmembran aber auch geschädigt werden. Dann nimmt die Niere Schaden und die Nierenfunktion kann beeinträchtigt werden.
Einer der Hauptgründe in der heutigen Zeit für Nierenschäden ist der Diabetes mellitus, die Zuckerkrankheit. Das ist die häufigste Ursache für Nierenschwäche heutzutage.
Zucker schädigt die Nieren. Was passiert dabei? Man kann sagen, dass Zucker die kleinen Poren der Basalmembran verklebt.

 

Zucker verstopft also die Poren der Basalmembran. Dadurch wird sie undurchlässig. Die Urinproduktion vermindert sich. Im Extremfall versiegt die Urinproduktion komplett = Nierenversagen.


Nicht nur Zucker, auch andere Dinge können diese Poren verstopfen. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, welche die Nieren schädigen können:  Z. B. Bluthochdruck, Atherosklerose (Verkalkung der Gefäßwände, also Kalk in den Poren), Autoimmunerkrankungen (Antikörper-Komplexe setzen sich auf die Poren und verstopfen sie), Infektionen (Antigen-Antikörperkomplexe verstopfen die Poren), u. v. m. Die häufigsten Ursachen sind in den westlichen Ländern mit Abstand Diabetes und Atheriosklerose, also Zucker und Kalk welche die Poren verstopfen.


Das häufigste und wichtigste Problem für die Nieren ist der Zucker. Zucker (Glucose) führt zu einer sogenannten Glykosylierung der Basalmembran. Dies geschieht durch eine Verstopfung der Poren durch sogenannte advanced glycosylation end-products (AGE). Zucker verklebt also die Basalmembran, den wichtigen Filter unserer Nieren.


Die Basalmembran besteht wie schon erwähnt aus Kollagen. Insbesondere aus Kollagen Typ IV. Kollagen ist Eiweiß. Dass Zucker einen Eiweißbaustein im Körper verklebt leuchtet ein. Aber wie soll Eiweiß einen Eiweißbaustein schädigen???? Eiweiß-Moleküle schädigen sicher nicht die Basalmembran.
Daher ist auch in der Wissenschaft allgemein anerkannt, dass eine hohe Eiweißzufuhr keine negativen Auswirkungen auf die Nieren bei gesunden Menschen hat.


Jetzt gibt es aber doch hier und da Beobachtungen, dass Menschen mit einer Nierenerkrankung bei hohem Eiweißverzehr eine zunehmende Beeinträchtigung der Nierenfunktion erleiden. Diese Beobachtungen sind meist retrospektiv, heißt, man hat im Nachhinein untersucht, wer wieviel Eiweiß, in welcher Form auch immer, zu sich genommen hat. Wie kann das sein? Haben wir doch eben gesehen, dass die Basalmembran selbst Eiweiß ist. Wie kann Eiweiß diese schädigen? Die Lösung liegt auf der Hand: es ist nicht das Eiweiß selbst, was die Nieren schädigt. Sondern was häufig mit einem hohen Eiweißverzehr automatisch mitkommt: Phosphat. Zuviel Phosphat wird eigentlich mit der Niere ausgeschieden. Ist die Niere aber nicht voll funktionstüchtig, sammelt sich vermehrt Phosphat im Blut. Phosphat kann zusammen mit Proteinen sogenannte Protein-Mineral-Komplexe bilden: Calciprotein-Partikel (CPPs). Diese CPPs können dann zu einer Verkalkung der Gefäßwand führen. Dann kommt es auch zu einer Verkalkung der Basalmembran. Diese wird wieder verstopft. Und die Nierenfunktion leidet. (1)


Bisher konnte keine Studie beweisen, dass Eiweiß an sich die Nieren schädigt. Analysen zeigen jedoch teilweise eine Korrelation von hoher Eiweißaufnahme bei Nierenkranken mit einer schnelleren Verschlechterung der Nierenfunktion. Und da liegt die Krux. Selbst viele Ärzte verwechseln immer noch Korrelation mit Kausalität. Aus einer Korrelation darf!!! man keine Kausalität schlussfolgern. Beispiel: es wurde eine hohe Korrelation von Feuerwehrautos vor brennenden Häusern gefunden. Schlussfolgerung: Feuerwehrautos verursachen Hausbrände. Natürlich nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Aber das passiert, wenn man blind Korrelationen aus Studien zu Kausalitäten macht. Daher gehört es eben auch IMMER! bei Studien dazu, Grundlagenwissen und Grundlagenverständnis mit einzubeziehen.


Eine mögliche Erklärung für die Korrelation von hoher Eiweißzufuhr und schneller verschlechternder Nierenfunktion wäre, dass eine hohe Eiweißzufuhr bei den meisten Menschen durch einen hohen Fleisch (insbesondere rotes, verarbeitetes) -verzehr geschieht. Fleisch enthält neben einem hohen anorganischen Phosphatanteil auch mehr schlechte (Omega 6) als gute Fette (Omega 3). Nicht so beim Fisch. Man weiß, dass Omega 3 Fettsäuren eine sehr positive Wirkung auf die Nierenfunktion haben und die Nieren schützen. Isst man also viel Fleisch, nimmt man unweigerlich schlechte Phosphate, schlechte Fette und vermehrt Purinbasen (Harnsäurebildung) auf, was ganz klar negative Faktoren für die Nieren sind. Phosphate machen Calciumphosphat-Ablagerungen (Kalk) auf der Basalmembran. Harnsäure kann Kristalle bilden, welche die Poren der Basalmembran verstopfen oder schädigen. Omega 6 macht vermehrt Entzündungen und Gefäßwandverkalkungen, eben auch die Wände der Basalmembran.
Phosphat: Bei Nierenerkrankungen kommt es zu einer verminderten Bildung vom aktiven 1,25-Vitamin D3. Vitamin D Mangel führt zu einer Erhöhung der Parathormons. Parathormon führt zu einer Phosphat-Freisetzung aus dem Knochen. Die geschädigte Niere kann überschüssiges Phosphat nicht gut loswerden. Daher verbleibt dann erst recht vermehrt Phosphat im Blut.


Perfekt um mit Calcium, Kalk und die o.g. CCPs zu bilden, welche unsere so wichtige Filtermembran, die Basalmembran, schädigt.
Gerade die erhöhte Phosphataufnahme durch Fastfood, Softdrinks und Konservierungsmittel tragen zu der erhöhten Bildung der CCPs bei (2).
Die Ergebnisse vieler Studien, welche eine schneller schlechter werdende Nierenfunktion bei schon Nierengeschädigten zeigt, sind ein Zusammenhang, dessen Kausalität noch nicht geklärt ist, aber am ehesten von Nebenprodukten von (verarbeitetem) Fleisch/Wurst/Käse/Fastfood kommt. Was also bedeutet, dass Nierengeschädigte mit Fleisch/Wurst/Käse/Fastfood aufpassen müssen, aber nicht mit reinem Eiweiß aus Phosphat- und Omega 6-armen Quellen (Molkeeiweiß, Fischeiweiß, Eiweißpulver-reines Eiweiß, Ei-Eiweiß).


Sicher ist, dass für Nierengesunde eine Ernährung mit hohem Proteinanteil als sicher angesehen werden kann (4).
In dieser Studie (3) konnte z. B. gezeigt werden, dass unterschiedliche Proteinquellen unterschiedliche Auswirkungen auf die Nieren hatten. Es wurde Casein, Soja-Protein und gemischte Proteine und deren Auswirkungen auf die Nieren untersucht. Ergebnis: nur das reine Casein zeigte auf Dauer eine vermehrte renale Fibrose, nicht jedoch das Soja- oder gemischte Protein. (3). Casein enthält übrigens viel Phosphat. Heißt wiederum, es ist nicht das Eiweiß an sich, sondern es kommt auf das an, was mit dem Eiweiß mitkommt. Im Falle der Nieren ist es das Phosphat, was Probleme macht.
Eier werden übrigens besonders bei Nierenkranken empfohlen. Eier gelten hier als besonders gute Eiweißquelle. So ein Zufall: Eiklar hat ein besonders niedriges Phosphat/Eiweiß-Verhältnis. Auch hat Eiklar eine besonders niedrige Säure-Last (potential renal acid load PRAL: 0,4 mEq pro Portion). (5)
Eine aktuelle Untersuchung von 2018 konnte zeigen, dass Fischprotein deutlich positivere Effekte auf die Nieren als gemischtes Protein hat (6).


Noch ein paar wissenschaftliche Daten:
In einer Metaanalyse (7) aus 2012 von 74 Studien konnte beim Vergleich von eiweißreicher zu eiweißarmer Ernährung kein Unterschied in der Nierenfunktion gefunden werden. Die eiweißreiche Ernährung zeigte jedoch positive Effekte auf die Faktoren Adipositas, Blutdruck und Blutfette. (7)
Eine andere Metaanalyse von 2014 untersuchte 30 Studien und verglich eine high-protein gegen normal-/low-protein Diät. Hier wurde gezeigt, dass die Teilnehmer der high-protein Gruppe eine erhöhte Glomeruläre Filtrationsrate (GFR) hatten, sowie einen höheren Serum-Harnstoff, höhere Calcium-Ausscheidung über den Urin und einen höheren Harnsäurespiegel hatten (außer in einer Studie, welche pflanzliches Eiweiß einsetzte, hier kam es zu einer Senkung der Harnsäure, logisch, die Harnsäure kommt ja nicht vom Eiweiß, sondern von den Purinbasen). Die erhöhte GFR wurde in der Studie als ein Adaptationsmechanismus der Nieren angesehen, also die Nieren erhöhen die Funktion und passen sich dem vermehrten Eiweißangebot an. (8).
Auch in dieser Untersuchung von 2009 (9) konnte gezeigt werden, dass eine höhere Eiweißaufnahme die GFR erhöht. Es wurden zwei Gruppen verglichen, die eine bekam 2,4 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, die andere 1,2 g Eiweiß/KG/Tag. Es zeigte sich, dass die eiweißreiche Gruppe eine GFR von 141 ml/min hatte, während die normaleiweiß Gruppe eine GFR von 125 ml/min hatte.


Was ist die GFR? GFR heißt glomeruläre Filtrationsrate. Wir haben oben schon gesehen, dass über die glomeruläre Basalmembran unser Blut filtriert wird. Am Tag werden 160 L über diese Membran gefiltert. Diese Filtermenge nimmt man als Maßstab für die Nierenfunktion. Nimmt man die 160 Liter pro Tag auf eine Minute und dann in Milliliter, kommt man auf eine GFR von 111 ml/min. Ein Normalwert. Je schlechter die Nierenfunktion, desto niedriger wird die GFR.
Die Nierenschwäche wird anhand der GFR in 4 Stadien eingeteilt: Stadium 1 normal oder leicht eingeschränkte Nierenfunktion bis Stadium 4 schwere Nierenfunktionsstörung (oft schon dialysepflichtig)
Stadium 1: GFR > 90
Stadium 2: GFR 60 - 89
Stadium 3: GFR 30 - 59
Stadium 4: GFR 15 - 29
Jetzt nochmal zu den Studien von oben über Eiweiß und die Nieren: die GFR war umso höher, je mehr Eiweiß. Noch Fragen?


Die Niere muss also unter mehr Eiweiß mehr Arbeit leisten. Sie wächst mit ihren Aufgaben. Unter mehr Eiweiß konnte auch eine Größenzunahme der Niere gezeigt werden. Völlig unlogisch die Schlussfolgerung die Mehrarbeit würde die Nieren auf Dauer schädigen. Wird der Muskel geschädigt, wenn man ihn mehr arbeiten lässt? Nein, er wird stärker. Wird das Hirn geschädigt, wenn man es benutzt? Eher nicht. Wieso soll das bei den Nieren anders sein? Bei schlechter Nierenfunktion kommt es zu Schrumpfnieren. Durch Eiweiß werden die Nieren größer.
Wenn mehr Wasser durch den Filter läuft, verstopft er davon? Man stelle sich einen Kaffeefilter vor. Viel Wasser - Keine Verstopfung. Kippe ich Zucker oder Kalk hinein, ja dann wird er auf Dauer verstopfen.


Passend dazu gibt es eine große Kohortenanalyse an 63257 Erwachsenen (10). Die alte Meinung, viel Eiweiß könnte eine vorgeschädigte Niere weiterhin verschlechtern wurde aufgezeigt. Die Gruppen mit der höheren Proteinaufnahme hatten ein 1,24 faches (Hazard Ratio) Risiko eine schwere Niereninsuffizienz (ESRD = end stage renal disease) zu entwickeln. Hat man die Proteinaufnahme aber auf verschiedene Proteinquellen aufgeschlüsselt, kam heraus, dass nur rotes Fleisch signifikant mit einer Verschlechterung der Nierenfunktion assoziiert war. Die Einnahme von Geflügel, Fisch, Ei und Milchprodukte zeigten hier keinerlei negative Wirkungen auf die Nierenfunktion.


Besonderes interessant an dieser Studie (10) ist, dass die Personengruppe mit dem höchsten (rotes) Fleischverzehr auch die höchste Gesamtproteinaufnahme hatte. Bedeutet: wenn eine große Bevölkerungsgruppe nur auf den Gesamtproteinverzehr untersucht wird, hat man in der Gruppe mit hoher Eiweißaufnahme auch immer die mit dem größten (rotes) Fleischverzehr. Das kommt davon, wenn da nicht genauer, differenzierter drauf geachtet wird. Somit wurde sicherlich in vielen Studien dem Eiweiß an sich fälschlicherweise eine negative Wirkung nachgesagt, obwohl es ja warscheinlich häufig nur das rote Fleisch ist, welches negative Ergebnisse hervorbringt.
In dieser Studie (11) an 6213 Teilnehmern mit Diabetes mellitus Typ 2 konnte gezeigt werden, dass eine gesunde Ernährung und wenig Alkohol einen positiven Einfluss auf die Nierenfunktion hat. Ob viel oder wenig Eiweiß und Salz machten keinerlei Unterschiede was die Entwicklung einer chronischen Niereninsuffizienz angeht. In dieser Studie hatten sogar die Teilnehmer mit der niedrigsten Eiweißaufnahme ein 1,16 (Harzard Ratio)-fach erhöhtes Risiko einer Nierenerkrankung.


Natürlich gibt es auch die bekannten Untersuchungen, dass eine hohe Proteinzufuhr zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion führen kann (12). In dieser Studie wurden Teilnehmer 12 Jahre lang nachuntersucht. Eine erhöhte Eiweißaufnahme zeigte kurzfristig eine erhöhte GFR, auf Dauer aber kam es zu einer zunehmenden Abnahme der GFR. Auch wiederum in dieser Studie: es wurde in keiner Weise die Art und Quelle des Eiweißes berücksichtigt. Trotzdem gibt es nun einmal diese (wenn auch schwachen) Studien, so dass man aus Sicherheitsgründen allgemein bei Nierenkranken eine Eiweißrestriktion empfiehlt.


Ein Problem bei der chronischen Niereninsuffizienz ist die metabolische Azidose. Säuren werden nicht mehr so gut über die Nieren eliminiert. Eine Forschergruppe machte dazu eine tolle Entdeckung: deBrito-Ashurst et al untersuchten 2009 Patienten mit einer Niereninsuffizienz Stadium IV. Eine Gruppe wurde mit Bicarbonat über 2 Jahre versorgt. Die andere nicht. Die Gruppe mit dem Bicarbonat (1,8 Gramm pro Tag) bekam deutlich seltener ein Nierenversagen (end stage renal disease ESRD) als die andere Gruppe ohne Bicarbonat (6,5 % vs 33 %). (13)
So einfach geht´s. 1,8 Gramm Bicarbonat täglich und nur ein fünftel soviel Nierenversagen wie ohne Bicarbonat. So einfach kann man sich der Säuren entledigen. Warum glauben Sie, empfehlen wir immer jeden Tag Heilwasser? In jedem Liter Heilwasser sind schon 1,8 Gramm Bicarbonat enthalten. Tja, bisschen Heilwasser und das Säureproblem ist behoben. Keine weiteren Sorgen mehr über die bösen Säuren.
Zuletzt möchte ich noch eine wichtige Langzeitnachuntersuchung einer groß angelegten Studie erwähnen: die MDRD (Modification of Diet and renal disease) – Studie. In der Studie wurden Teilnehmer mit einer chronischen Niereninsuffizienz im Stadium 4 verglichen. Ein Teil bekam eine „low-protein diet“ (0.58 g/kg/d), die andere eine „very low-protein diet“ (0.28 g/kg/d). Ergebnis: die sehr niedrige Eiweißdiät konnte die Progression zum Nierenversagen nicht verzögern. Das Sterberisiko war in der very low protein Gruppe aber fast doppelt!! so hoch (HR 1,92). Logisch, wir brauchen Eiweiß zum Überleben und kranke Menschen ganz besonders!!!!!!! (da kann ich gar nicht genug Ausrufezeichen setzen). (14)


Zusammenfassung:
Richtig ist, dass Menschen mit einer fortgeschrittenen Nierenerkrankung von einer (aber nicht zu extremen!! Siehe Studie zuletzt im Artikel) Eiweißbeschränkung profitieren können.
Richtig ist auch, dass Menschen mit gesunder Niere keinerlei Probleme auch mit hohen Eiweißmengen haben. Wenn keine Nierenerkrankung vorliegt, muss keinerlei!!!! Beschränkung beim Eiweiß beachtet werden. Im Gegenteil, die Nierenfunktion wird bei gesunden durch mehr Eiweiß gesteigert. Die Niere wächst (ja, auch die Niere besteht aus Eiweiß) dadurch. Chronischer Eiweißmangel dagegen macht eine Schrumpfniere. Will man lieber eine große oder eine Schrumpfniere?
Falsch sind die Pauschalaussagen, dass Eiweiß die Niere schädigen würde. Das wurde nur in alten Studien, wo alles über einen Kamm geschert wurde, einfach so dahingestellt, bzw. es wurde eine Korrelation gefunden, was noch lange keine Kausalität ist. Neuere Studien konnten zeigen, dass es auf die Art des Eiweißes, ankommt, ob es nachteilig für die Nieren sein kann oder nicht. Heißt auch, dass es nicht das Eiweiß an sich sein kann, was Probleme macht, sondern das, was bei bestimmten Eiweißquellen mit dem Eiweiß mitgeliefert wird (rotes Fleisch, Omega 6, Phosphat).
Diese neueren Studien haben eben nicht einfach pauschal Eiweiß betrachtet, sondern auch verschiedene Eiweißquellen untersucht. Die eine Studie zeigte schlechtere Ergebnisse für Casein, die andere für rotes Fleisch. Beides Eiweißquellen mit hohem Phosphatanteil. Daher ist es für die Gesundheit der Nieren wichtig, auf einen niedrigen Phosphatanteil zu achten. Ohne Nachteile waren in den Studien pflanzliche Eiweißquellen, Geflügel, Fisch, Ei und Milchprodukte.
Theoretisch müsste Molke Eiweiß (Whey Protein) aufgrund des niedrigen Phosphates und ohne schlechte Fette besonders gut bei Nierenkranken geeignet sein. Leider gibt es dazu keinerlei Studien. Das würde ich mir wirklich wünschen, eine prospektiv randomisierte Doppelblindstudie über die Gabe von Whey-Protein an Nierenkranke. Dann wüssten wir es. Das wäre toll. Aber wer finanziert so eine Studie? Zu teuer. Ich befürchte da müssen wir noch sehr lange drauf warten.
Wir sehen, ganz so einfach kann man das nicht beantworten mit dem Eiweiß und den Nieren. Das muss man etwas differenzierter Betrachten und das letzte Wort ist in der Wissenschaft noch nicht gesprochen. Was wir aber sicher sagen können, einfach zu sagen Eiweiß ist schlecht ist eine irreführende und gefährliche Falschaussage. Auch Nierenkranke brauchen Eiweiß, da sonst das Sterberisiko erheblich ansteigt. Ich glaube, anhand der vorliegenden Daten, kann man für sich selbst aber schon eine Vorgehensweise ableiten. Ich würde für mich persönlich, was meine Eiweißaufnahme angeht, folgendermaßen vorgehen:

  • Als gesunder Mensch ohne Nierenerkrankung würde (und tue ich) bedenkenlos Eiweiß in jeder beliebigen Dosis zu mir nehmen
  • Bei leichter Niereninsuffizienz (Stadium I oder II) würde ich mindestens 0,8 g Eiweiß/KG/Tag, bis zu 1,5 g/KG/Tag zuführen und vermehrt auf die Art des Eiweißes achten. Insbesondere auf geringe Mengen an Phosphat, kein verarbeitetes rotes Fleisch, wenig Fertigprodukte/Fast-Food, viel Omega 3 und reichlich Bicarbonat (Heilwasser). Vor allem Zucker und Phosphat meiden, um die Nieren zu schützen
  • Bei schwerer Niereninsuffizienz (Stadium III-IV) wie bei St. I und II und die Gesamteiweißzufuhr an den Laborwerten orientieren, aber auf Grund des weiterhin notwendigen Eiweißbedarfes sicherlich darauf achten, nicht unter 0,6 g/KG/Tag Eiweiß aus guten Quellen zu kommen
  • DAS ALLERWICHTIGSTE ABER: die Ursachen der Niereninsuffizienz wie Diabetes und Bluthochdruck adäquat und konsequent behandeln!

Eine gute Übersichtsarbeit über Ernährung bei chronischer Niereninsuffizienz (CKD = chronic kidney disease) ist diese hier: (14). Eine interessante und wichtige Erkenntnis hier ist, dass das Serum-Albumin (Blut-Eiweiß) einer der wichtigsten Faktoren für das Gesamtüberleben bei Patienten mit CKD ist. Je niedriger das Serumalbumin, desto höher das Sterberisiko. Daher sollte ein Eiweißverlust (PEW=protein energy wasting) unbedingt vermieden werden. Gerade unter Dialyse kommt es zu einem hohen Eiweißverlust über die Dialyse. Patienten mit Peritonealdialyse verlieren täglich 5 - 7 Gramm Eiweiß zusätzlich durch die Dialyse.
Sinkt das Serum Albumin unter 40 g/l steigt das Sterberisiko zunehmend an. Daher sollten Patienten bei einem Wert unter 40 g/l die Eiweißmenge in der Ernährung erhöhen.
Die Empfehlungen aus der genannten Übersichtsarbeit (14) sind eine Eiweißaufnahme von 0,6 g/KG/Tag für Niereninsuffizienz Stadium 1 - 4 und mehr als 1,2 g/KG/Tag für Stadium 5 (Dialyse). Hämodialysepatienten sollten 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht, Peritonealdialysepatienten 2 Gramm Eiweiß/KG/TAG zu sich nehmen (15).

Zum Abschluss möchte ich noch auf eine sehr gute Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von 2018 hinweisen, in der nochmal ausführlich alle Studien und die Datenlage zu dem Thema zusammengefasst werden. Ergebnis: auch eine hohe-Protein Ernährung hat bei gesunden KEINERLEI!!! negative Auswirkungen auf die Nieren:

Changes in Kidney Function Do Not Differ between Healthy Adults Consuming Higher- Compared with Lower- or Normal-Protein Diets: A Systematic Review and Meta-Analysis Michaela C Devries Arjun Sithamparapillai K Scott Brimble Laura Banfield Robert W Morton Stuart M Phillips The Journal of Nutrition, Volume 148, Issue 11, 1 November 2018, Pages 1760–1775, https://doi.org/10.1093/jn/nxy197

Quellen:

  1. Int J Nephrol. 2018 Apr 8;2018:3162806. doi: 10.1155/2018/3162806. eCollection 2018.Phosphate and Cardiovascular Disease beyond Chronic Kidney Disease and Vascular Calcification.Disthabanchong S1.
  2. International Journal of Endocrinology, Volume 2018, Article ID 5282389, 6 pages, https://doi.org/10.1155/2018/5282389, Review Article, Biological and Clinical Effects of Calciprotein Particles on Chronic Kidney Disease-Mineral and Bone Disorder, Kenichi Akiyama,1 Takaaki Kimura,2 and Kazuhiro Shiizaki1,3
  3. Appl Physiol Nutr Metab. 2017 Feb;42(2):135-141. doi: 10.1139/apnm-2016-0301. Epub 2016 Oct 6.Mixed compared with single-source proteins in high-protein diets affect kidney structure and function differentially in obese fa/fa Zucker rats.Devassy JG1,2, Wojcik JL1,2, Ibrahim NH1,2, Zahradka P1,2,3, Taylor CG1,2,3,4, Aukema HM1,3,4.
  4. Am J Kidney Dis. 2004 Dec;44(6):950-62.High-protein diets: potential effects on the kidney in renal health and disease.Friedman AN1.
  5. Nutrients. 2018 Dec; 10(12): 1945. Published online 2018 Dec 7. doi: 10.3390/nu10121945PMCID: PMC6315879PMID: 30544535Egg Intake in Chronic Kidney Disease Dina A. Tallman,1 Sharmela Sahathevan,2 Tilakavati Karupaiah,3 and Pramod Khosla1,*
  6. Br J Nutr. 2018 Oct;120(7):740-750. doi: 10.1017/S0007114518002076. Epub 2018 Aug 29.Dietary intake of cod protein beneficially affects concentrations of urinary markers of kidney function and results in lower urinary loss of amino acids in obese Zucker fa/fa rats.Drotningsvik A1, Midttun Ø2, McCann A2, Ueland PM3, Høgøy I4, Gudbrandsen OA1.
  7. Eur J Clin Nutr. 2012 Jul;66(7):780-8. doi: 10.1038/ejcn.2012.37. Epub 2012 Apr 18.Effects of higher- versus lower-protein diets on health outcomes: a systematic review and meta-analysis.Santesso N1, Akl EA, Bianchi M, Mente A, Mustafa R, Heels-Ansdell D, Schünemann HJ.
  8. PLoS One. 2014 May 22;9(5):e97656. doi: 10.1371/journal.pone.0097656. eCollection 2014.Comparison of high vs. normal/low protein diets on renal function in subjects without chronic kidney disease: a systematic review and meta-analysis. Schwingshackl L1, Hoffmann G1.
  9. Am J Clin Nutr. 2009 Dec;90(6):1509-16. doi: 10.3945/ajcn.2009.27601. Epub 2009 Oct 7.Effect of short-term high-protein compared with normal-protein diets on renal hemodynamics and associated variables in healthy young men. Frank H1, Graf J, Amann-Gassner U, Bratke R, Daniel H, Heemann U, Hauner H.
  10. J Am Soc Nephrol. 2017 Jan;28(1):304-312. doi: 10.1681/ASN.2016030248. Epub 2016 Jul 14.Red Meat Intake and Risk of ESRD.Lew QJ1, Jafar TH2,3, Koh HW4, Jin A5, Chow KY5, Yuan JM6,7, Koh WP8,4.
  11. JAMA Intern Med. 2013 Oct 14;173(18):1682-92.Diet and kidney disease in high-risk individuals with type 2 diabetes mellitus.Dunkler D, Dehghan M, Teo KK, Heinze G, Gao P, Kohl M, Clase CM, Mann JF, Yusuf S, Oberbauer R; ONTARGET Investigators.
  12. J Am Soc Nephrol. 2009 Sep;20(9):2075-84. doi: 10.1681/ASN.2008111205. Epub 2009 Jul 16.Bicarbonate supplementation slows progression of CKD and improves nutritional status.de Brito-Ashurst I1, Varagunam M, Raftery MJ, Yaqoob MM.

13 Am J Kidney Dis. 2009 Feb;53(2):208-17. doi: 10.1053/j.ajkd.2008.08.009. Epub 2008 Oct 31.Effect of a very low-protein diet on outcomes: long-term follow-up of the Modification of Diet in Renal Disease (MDRD) Study. Menon V1, Kopple JD, Wang X, Beck GJ, Collins AJ, Kusek JW, Greene T, Levey AS, Sarnak MJ.

14 Nat Rev Nephrol. 2011 May 31;7(7):369-84. doi: 10.1038/nrneph.2011.60.Diets and enteral supplements for improving outcomes in chronic kidney disease.Kalantar-Zadeh K1, Cano NJ, Budde K, Chazot C, Kovesdy CP, Mak RH, Mehrotra R, Raj DS, Sehgal AR, Stenvinkel P, Ikizler TA.

15 Sahay M, Sahay R, Baruah MP. Nutrition in chronic kidney disease. J Med Nutr Nutraceut [serial online] 2014 [cited 2019 Mar 3];3:11-8. Available from: http://www.jmnn.org/text.asp?2014/3/1/11/123437

 

Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

11 Kommentare
  • Britta vor 2 Monaten
    Ein toller Artikel mit verständlichen Erklärungen. Das mit dem roten Fleisch wusste ich so nicht. Vielen Dank für deine Mühen, dich für uns hinzusetzen.
  • Anja Mohr vor 2 Monaten
    Danke Doc Volker für diese sehr ausführliche und verständliche Darstellung von Ursache und Wirkung. Zusammen mit deinen Ausführungen im Gesundheitswochenende kann ich nun sehr gut nachvollziehen, wieso viele Menschen immer noch zu der Meinung kommen, Eiweiß schädigt Niere. Und vor allem weiß ich nun, wie die Niere grundsätzlich funktioniert und das ich in Sachen Ernährung viel richtig mache. Danke für die viele Zeit und den Fleiß, die du opferst, um uns weiterzubilden und wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Wir wollen doch alle noch den Berg hoch und vom Plateau oben in eine weite (lange) Zukunft blicken und gehen!
  • Nabila vor 2 Monaten
    Danke Volker! Meine Oma hängt seit einem Jahr an der Dialyse und ich werd ihr deinen Artikel zeigen. Wenn wir das mit dem Fleisch und der Wurst und dem Heilwasser eher gewusst hätten...der Artikel hilft uns sehr! Alles Liebe N
  • Uli S. vor 2 Monaten
    Ein wirklich fundiert geiler Artikel von Dir über die "Mähr" Eiweiss schädigt die Nieren !!! Wie für viele Studien führend ... Der F1 unter des Eiweisspulvern ist das WHEY
  • Monika vor 2 Monaten
    Puh, ich habe schon Stadium III der Niereninsiffizienz und hatte immer Angst vor Eiweiß. Zumindest bin ich jetzt bissel beruhigter und kenne nun die besseren Eiweißquellen. Leider sind die Ärzte noch nicht soweit und beharren auf sehr wenig Einweiß, ich werde das mit meinem Arzt besprechen.
  • Birgit S. vor 2 Monaten
    Mega ausführlich und anschaulich! Vielen Dank!
  • Ulla vor 2 Monaten
    Lieber Volker. Wieder ein toller Artikel... mit geballtem Wissen. Vielen Dank!!
  • Petra vor 2 Monaten
    Lieber Dr. Volker, vielen Dank für die wirklich ausführliche und hilfreiche Erklärung. Sie haben uns mal wieder gezeigt, wie wichtig es ist genau auf das zu schauen was wir Essen. Danke
  • Ina vor 2 Monaten
    Danke schön 🌺🌺🌺
  • Annette vor 2 Monaten
    Vielen Dank! Jetzt habe ich endlich einen Ansatzpunkt, um mich richtig zu ernähren. Bisher war mir nicht bewusst, dass rotes Fleisch und Wurstwaren für mich nicht gut sind. Leider geht meine GFR jetzt schon seit Jahren kontinuierlich nach unten und ich hoffe sehr, die Dialyse ganz zu vermeiden oder wenigstens so weit als möglich rausschieben zu können. - Das war jetzt das erste mal, das ich einen dermaßen deutlichen Zusammenhang erklärt bekommen habe.
  • Reinhild vor 2 Monaten
    Danke, lieber Dr.Volker, für diesen hochinteressanten Beitrag mit den logischen Schlußfolgerungen. Heilwasser und ISO Whey gehört inzwischen zum täglichen Leben, und somit kann man schon recht beruhigt sein. Der Artikel war wieder eine echte Fleißarbeit!!!

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