Fälle aus dem Praxisalltag - Nährstoffmängel

  • Von Dr. Volker Zitzmann
  • 22. Oktober 2017
  • Letzte Änderung: 26. Oktober 2017
  • 8 Kommentare
  • 6 min Lesezeit

Wie Sie wissen, besteht unser Körper aus vielen verschiedenen Substanzen. Einige davon kann er selbst herstellen, 47 davon müssen wir aber regelmäßig mit der Nahrung zuführen (=essentiell). Unser Stoffwechsel ist wie ein Zahnradgetriebe, eines greift in das andere. Fehlt nur eines, funktioniert es nicht mehr. Fehlt also nur eines dieser essentiellen Nährstoffe werden wir auf Dauer krank oder funktionieren eben nicht mehr optimal.

Fall 1: Kam zu mir ein Patient in die Praxis. Mitte 70. Männlich. Klagt seit langem über Taubheit und Kribbeln in den Händen und Füssen. Hat eine sehr verwaschene Sprache, insgesamt deutlich mental verlangsamt. Orthopädisch soweit alles ok. Also was machen wir? Eine große Blutanalyse. Was kommt raus? Massive Nährstoffmängel. Insbesondere das Vitamin B12 kaum messbar. Vitamin B12 ist für vieles wichtig, vor allem auch für die Nerven. Nervenschäden: Taubheit, Kribbeln, geistige Verlangsamung, verwaschene Sprache. Bei der Befundbesprechung erzählt er mir, er sei seit 30 Jahren Veganer. Von Vitamin B12 hatte er noch nie etwas gehört. Ernährt sich also seit 30 Jahren mit einer spezielle Ernährungsform, ohne überhaupt zu wissen, was dabei passieren kann und worauf man achten muss. Jetzt bekommt er Vitamin B12 als Nahrungsergänzungsmittel. Aber leider 30 Jahre zu spät.

Kein untypischer Fall. Kommt häufig so vor.

Fall 2: Eine junge Patientin, 13 Jahre alt, klagt über Schmerzen im ganzen Körper, Taubheitsgefühle und Kribbeln in den Armen und Beinen, Muskelkrämpfe. Ständige Müdigkeit. Könne in der Schule nicht mehr schreiben, nicht am Sport teilnehmen. Würde auch hin und wieder einfach auf dem Schulflur zusammenbrechen. Hört sich dramatisch an. Daher sofortige Einweisung in die etablierte hiesige Kinderklinik. Es erfolgte die komplette stationäre Diagnostik, alles unauffällig. Im Entlassungsbrief als „funktionelle Beschwerden“ diagnostiziert, also unklar/psychisch. Was machen wir? Große Blutanalyse. Was kommt raus. Extremer Vitamin D Mangel. Wert im untersten Bereich. Vitamin B12 absolut im untersten Bereich. Vitamin D: für Calcium und Magnesium Haushalt zuständig. Bei Mangel: Muskelkrämpfe. Vitamin B12 für Blutbildung und Nerven wichtig. Bei Mangel: Müdigkeit, Taubheitsgefühle. Da erzählt mir die Mutter, ihre Tochter wäre Vegetarierin. Eigentlich wollte sie Veganerin werden, habe ihr die Mutter aber verboten (sehr kluge Mutter!). Da haben sie sich auf Ovo-Lacto-Pesco-Vegetarismus geeinigt. Also Eier, Milch, Fisch (Vitamin B, Calcium, Omega 3, EPA/DHA – Sie wissen schon). Zum Glück. Nicht auszumalen, wenn sie in dem jungen Alter schon komplette Veganerin gewesen wäre, ohne eben zu wissen, was einem da fehlt und was man evtl. substituieren muss. Da hätten noch viel schwerwiegendere Mängel auftreten können. Die Mängel werden nun entsprechend mit den Substanzen aufgefüllt. Bei der letzten Kontrolle ging es der Patientin schon bedeutend besser, auch wenn das sicher noch dauert, bis die leeren Körperspeicher wieder aufgefüllt sind.

Zum Glück eine fürsorgliche und achtsame Mutter die ihrem Kind eben keine vegane Ernährung gestattet hatte. Sehr löblich. Viele Kinder und Jugendliche lesen solche Trends in Internetforen oder sonstwo und folgen dann völlig unachtsam so einem Ernährungstrend, ohne zu wissen was dabei passieren kann. Und solche „Trendsetter“ im Internet, selbsternannte Gesundheitsgurus die ohne Ausbildung und Wissen einfach solche extremen Formen anpreisen, denken gar nicht daran, was sie für einen gesundheitlichen Schaden gerade bei jungen Menschen verursachen können. Hauptsache sie verkaufen ihr Bücher oder Fernsehsendungen.

Zwei Beispiele, was nur einen sehr häufigen Nährstoffmangel betrifft. Vitamin B12. Es gibt aber noch 46 weitere, die alle genauso Probleme machen können. Sei es Vitamin C, Eisen, Zink, Folsäure, etc. etc. etc.

Diese Beispiele sollen jetzt bitte nicht als Kritik an Veganismus verstanden werden. Es geht um allgemein spezielle, einseitige Ernährungsformen, die es in jeder Ausprägung und Art gibt. Sei es Verzicht auf Fisch/Fleisch/Eier/Milch, nur Fast-Food, Verzicht auf Gemüse, zu viele leere Kohlenhydrate (Zuckergetränke) dafür zu wenig nährstoffreiche Nahrungsmittel und viele andere Formen der einseitigen Ernährung, die zu Mängeln aller Art führen können. Und damit eben auch zu Krankheiten. Gerade Veganer sind häufig sehr gebildete, gut informierte Menschen. Und viele achten daher auch auf eine ausreichende Versorgung mit allen essentiellen Nährstoffen. Denen geht es auch gut damit und sie können damit umgehen. Problem ist es aber, wenn Kinder oder Jugendliche, die sich damit nicht beschäftigen und nicht auskennen, einfach mal so aus einer Laune heraus entscheiden, jetzt mal nur noch vegan zu Essen oder noch schlimmer von den Eltern dazu angehalten werden. Und sich eben nicht mit den Nahrungsmitteln auskennen und nicht wissen, was sie dann alles beachten müssen, wenn sie anfangen vegan (oder sonst irgendeine spezielle Ernährungsform) zu essen.

Gerade Kinder in der Wachstumsphase brauchen besonders alle essentiellen Nährstoffe. Und reagieren besonders empfindlich auf Mangelernährung. Und Mangelernährung hat nicht unbedingt was mit dem Körpergewicht zu tun. Die Patientin aus Fall 2 war trotz Nährstoffmängel deutlich übergewichtig. Kurz gesagt: Übergewicht schützt vor Nährstoffmangel nicht.

Wie komme ich auf dieses ganze Thema? Leider ein sehr trauriges Beispiel aus Belgien (siehe Link unten). Dort haben Eltern ihrem Säugling selbst eine Lactose- und Glutenintoleranz (was in Wirklichkeit aber sehr selten ist und immer NUR! von Ärzten diagnostiziert werden kann) diagnostiziert und ihr Kind anschließend nur noch mit Körnern/Getreide (Buchweizen, Hafer, Quinoa, Reis) ernährt. Ganz tragisch ist das Kind daraufhin an Unterernährung gestorben. In diesen Körnern ist leider nicht alles enthalten, was man zum Leben braucht. Gerade ein Säugling der schnell wächst braucht besonders alle essentiellen Nährstoffe. Die Eltern stehen nun vor Gericht und es wird eine Haftstrafe gefordert. So tragisch das alles ist, so sehr man mit den Eltern mitleidet, die sicher nur nach ihrer besten (aber eben falschen) Überzeugung gehandelt haben und nur das Beste für ihr Kind wollten, so ist eine Verurteilung aber durchaus rechtskonform. Denn auch Eltern, dürfen nicht die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel setzen, aufgrund eigener, spezieller Überzeugungen.

Dazu passend Zitat aus dem Artikel (s.u.): „Hier muss die Frage erlaubt sein, ob § 1666 Nr. 1 BGB Anwendung finden soll: „Wird das körperliche, geistige oder seeli- sche Wohl des Kindes ... durch missbräuch- liche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern ... ge fährdet, so hat das Familiengericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder in der Lage sind, die zur Abwendung der Gefahr erfor derlichen Maßnahmen zu treffen.““

Diese Rechtsprechung ist auch in Deutschland so. So gibt es auch Urteile zum Impfen. Ärzte müssen Kinder mit einer hohen Gefahr für Tetanusinfektion (z.B. bei Verletzungen, offenen Wunden) auch dann impfen, wenn die Eltern sogenannte Impfgegner sind. Zur Not über ein Vormundschaftsgericht. Eltern dürfen also nicht aus einer persönlichen Überzeugung heraus, die gegen die allgemein anerkannte Wissenschaft geht, die Gesundheit oder das Leben ihrer Kinder aufs Spiel setzen. Erwachsene können und dürfen selbst entscheiden, wie sie mit ihrer Gesundheit umgehen. Kinder können das eben noch nicht. Und sind daher unter dem besonderen Schutz des Staates. Zu Recht!

Was wir aus diesem Artikel nun lernen sollten:

Wir brauchen ALLE!!!! 47 essentiellen Nährstoffe zum Leben und vor allem um gesund und fit zu sein. Und Eltern müssen!!! sich im besonderen Maße um die Gesundheit und das Wohlergehen Ihrer Kinder kümmern und dürfen nicht irgendwelche speziellen, wissenschaftlich und medizinisch nicht anerkannten Methoden an Ihren Kindern ausprobieren.

Ebenso, wie in der traurigen Geschichte aus Belgien.

Und zu Impfungen: diese haben schon Millionen Menschenleben gerettet. Und tun dies weiterhin.

Krankheitserreger konnten komplett ausgerottet werden. Sie verhindern Krankheiten. Wer möchte seinen Kindern denn nicht z.B. die Masern ersparen, oder einen schweren (häufig tödlichen) Wundstarrkrampf ?? Punkt!!! Die ganzen Impfgegnerartikel im Internet und sonstwo sind komplett wissenschaftsfrei und entbehren jeglicher allgemein anerkannter Wissenschaft und Erkenntnis und jeder Vernunft.

 

http://www.focus.de/gesundheit/baby/tod-durch-superfood-baby-in-belgien-stirbt-nach-ernaehrungsumstellung_id_7140153.html

http://www.medizinrecht-aktuell.de/strafverteidigung/13/

http://edoc.rki.de/oa/articles/relCj8Zcqwxw/PDF/25ypSGe2rTG6.pdf

Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

8 Kommentare
  • Britta Maria vor 1 Jahr
    Kann mich meiner Vorgängerin ebenfalls nur anschließen und die China Studie wärmstens empfehlen. Diese ging über 10 Jahre und sollte doch aussagekräftig sein. Meine persönliche Meinung ist: Es spielt keine Rolle mehr, ob jemand Fleischesser oder vegan ist, wir haben alle Mängel! Mineralien und Vitamine sollte man sich aus anderen Quellen, aber nur „natürlichen“ holen. Für mich liegt der Grund des Mineralstoffmangels u.a. mit in ausgelaugten Böden, dem schnellen Wachstum und der Vorgehensweise der Nahrungsmittel-„Industrie“ mit deren entsprechenden Weiterverarbeitung. Imfpungen sehe ich sehr kritisch. Auch hier gibt es genügend neue Studien von geimpften und ungeimpften Kindern als auch Filmmaterial. Für diejenigen, die offen sind, es gibt derzeit einen kostenlosen „Impfentscheidung-Online-Kongress“, indem ebenfalls Ärzte von ihren Erfahrungen berichten. Für mich das Fazit: Die Wahrheit wird gerne bekämpft, wenn es einer Lobby nicht in den Kram passt und da werden gerne in der Zeitung auch mal Geschichten umgebogen, damit die Richtung der Interessenvertretung wieder passt.
  • nadia vor 1 Jahr
    Ich kann das Buch (China Study) nur empfehlen und dann ist man sich plötzlich nicht mehr so sicher ob diese Mutter wirklich so klug gehandelt hat. Wir Eltern sind vegan und unsere Tochter darf jedoch im Mass Fleisch essen wenn sie Lust dazu hat. Jedoch Milch trinken haben wir ihr verboten, wir Menschen sind von Natur aus Lactose intolerant und nicht dazu da die Milch von Tieren zu trinken....
  • Sylvia vor 1 Jahr
    Es ist keine kluge Mutter, jeder sollte sich mit Ernährung beschäftigen und nicht nur Veganer sind unterversorgt. Ich ernähre mich seit 12 Jahren vegan und habe keine Mangelerscheinungen. Wie gesagt jeder sollte wissen was unser Körper braucht. Und viele Fleischesser haben Mangelerscheinungen.
  • Grit vor 1 Jahr
    Ich möchte doch zum Thema Impfen noch etwas los werden. Ich bin kein Impfgegner und sicherlich iste sauch richti g, das viele Krankheitserreger durch das impfen ausgerottet wurden. Aber warum muß man einem Säugling der mit allen möglihcen erregern und Viren fertig werden muß auch noch einen 5-7- fach Lebendimpfstoff zumuten??? Das würde ich meinen Kind nicht noch einmal zumuten !!
  • Vielen Dank für den wichtigen Artikel! Das bestätigt mich nochmal aufs Neue. Obwohl Ihr das ja schon oft gepredigt habt. Immer wieder aktuell!!!
  • Sabine E. vor 1 Jahr
    Schließe mich Andrea an....Danke für diesen interessanten Artikel ?
  • Marina vor 1 Jahr
    Danke!!!!! Schade dass die Teilen BUttons nutzlos sind. DEnn der Artikel lässt sich, wenn ich ihn bei FB zb teile nur lesen, wenn derjenige auch hier eingeloggt ist. Und das ist so ein wichtiger Artikel.
  • Andrea vor 1 Jahr
    Du sprichst mir aus der Seele! Danke für diesen Artikel.

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