Wenn Statistik trügt

Statistik lügt normalerweise nicht. Wenn sie korrekt durchgeführt wurde. Die Mathematik ist meine Lieblingswissenschaft. Lügt nie. Die Frage ist aber immer, wie eine statistische Auswertung interpretiert wird. Und da wird es oft schwammig. Besonders bei Studien über Mikronährstoffe. Da ist meistens schon mal ein ganz großer systematischer Fehler. Es bekommt eine große Bevölkerungsgruppe (Normalbevölkerung) ein einzelnes Vitamin. Meist gut ernährte Mitteleuropäer. Es haben statistisch gesehen vielleicht nur 4,9 oder 4% der Menschen einen Mangel an diesem Vitamin. Statistiken werden in der Medizin immer mit einem Signifikanzniveau berechnet. Das beträgt meistens p<0,05. Heißt 5% Fehlerwahrscheinlichkeit für ein signifikantes Ergebnis, also ein fast sicheres Ergebnis bis auf 5% Genauigkeit eben.

Stellen Sie sich vor, 4% einer großen Studiengruppe haben einen Mangel an einem bestimmten Vitamin. Diese Studiengruppe bekommt dieses Vitamin in einer Studie als Nahrungsergänzungsmittel. Das Vitamin hilft von diesen 4% fast allen zu einer besseren Leistung, zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden. Es hilft fast allen! Fast alle von diesen 4% sind dann vielleicht nur scheinbar klägliche 4% der gesamten Studiengruppe, da ja nur 4% einen Mangel an diesem Vitamin hatten. Das klingt wenig, ist aber enorm. Nicht vergessen: fast allen wurde geholfen. In einer Studie sind aber 4% möglicherweise nicht signifikant (erst ab 5%)  und das Ergebnis wird auf ein Placeboeffekt zurückgeführt.

Das Vitamin in der Studie hilft also diesen 4% Menschen, die einen Mangel daran haben. Insgesamt kommt dann bei einer solchen Studie aber als Ergebnis raus: kein signifikanter Unterschied zwischen denen, die das Vitamin bekommen haben und denen die das Placebo bekommen haben. Die Studie wurde dann zwar korrekt durchgeführt, das Ergebnis korrekt berechnet und am Ende kommt raus, Vitamine würden nicht helfen. Trotzdem haben sie den 4%, die einen Mangel daran haben (immerhin jeder 25igste) extrem geholfen, die Gesundheit verbessert, die Leistungsfähigkeit gesteigert und vielleicht Jahre spätere Folgeerkrankungen verhindert.

Wenn nur 4% einen Mangel haben, sagen Sie jetzt vielleicht, dann gehören Sie bestimmt nicht dazu. Mag sein. Aber es gibt 47 essentielle Mikronährstoffe, die der Mensch zum Leben braucht. Und glauben Sie mir, ich habe noch keinen Menschen gesehen, der spontan überall gut versorgt war. Wenn 4% einen Mangel an einem bestimmten Nährstoff haben und es 47 verschiedene gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass jeder irgendwo einen Mangel hat. Und jeder Mangel hat seine ganz bestimmten körperlichen Symptome. Sonst wäre dieser Nährstoff ja nicht essentiell. Deshalb helfen uns in solchen Fällen solche Studien nicht wirklich weiter. Höchstens der Presse, die schreibt dann wieder, Vitamine wären nicht notwendig. Neue Sensation. Hohe Verkaufszahlen. Aber leider völlig falsch, weil Journalisten diese Zusammenhänge nicht verstanden haben. Müssen sie ja auch nicht. Ist nicht deren Spezialgebiet. Deswegen sollte man grob wissen, wie Statistiken zustande kommen. Das wissen Sie jetzt. Um solche (falschen) Sensationsnachrichten besser interpretieren zu können. Daher diese News. Was seit hundert Jahren bekannt ist, nämlich dass Vitamine lebensnotwendig sind, kann man auch durch noch so viele Schrottstudien (garbage in- garbage out) nicht wiederlegen. Nicht umsonst, gab es für fast jede einzelne Vitaminentdeckung den Nobelpreis. Weil die Entdeckung gesundheitlich eben so extrem relevant ist. Wären diese Nährstoffe patentierbar, würden die Pharmafirmen plötzlich hunderte gut durchgeführte Studien aus dem Ärmel schütteln was Vitamine alles können und Milliarden Umsätze damit einfahren. Aber Vitamine sind keine Medikamente. Kosten daher nicht viel und sind nicht patentierbar. Die Pharmaindustrie hat dadurch eher große Umsatzeinbußen. Würde jeder alle notwendigen Mikronährstoffe zu sich nehmen, gäbe es plötzlich viel weniger Kranke. Eine schlechte Nachricht für die Pharmaindustrie und die Rentenversicherungen/Staat. Dafür aber eine sehr gute Nachricht für alle, denen es einfach nur um die Gesundheit geht.

PS: Gute Studien zu Nahrungsergänzungsmittel gibt es viele. Die zeigen wir Ihnen dann auch, wenn es um die einzelnen Mikronährstoffe geht. Die belegen dann auch durchweg positive Effekte. Selbst bei den Schrottstudien kommt immer heraus, keine Wirkung. Aber auch keine negative. Also im schlimmsten Falle helfen die Vitamine nicht. Schaden aber zumindest auch nicht. Das einzige, was immer wieder zitiert wird, ist die negative Auswirkung von Beta-Carotin bei Rauchern in einer einzigen Studie, der finnischen CARET Studie. Hier wurde eine Megadosis von 30mg Beta-Carotin verabreicht. Normale Tagesdosis ist 2mg Beta-Carotin. Nur bei starken Rauchern fand sich ein leicht erhöhtes Risiko an Lungenkrebs (10% erhöhtes Risiko). Deshalb wird für starke Raucher eine Beta-Carotin Dosis von weniger als 6mg pro Tag empfohlen. Bei der Betrachtung der CARET Studie fehlte damals aber leider das Vitamin D. Interessant ist daher die Untersuchung von 2014 (1) an Teilnehmern der CARET Studie, die zeigt, dass diejenigen mit der höchsten Vitamin D Einnahme ein um 44% geringeres Risiko an Lungenkrebs hatten. Es scheint so, dass Vitamin D und Vitamin A erst zusammen einen positiven Effekt ergeben. Auch wieder ein Beispiel dafür, warum oft Studien an Einzelstoffen keinen nennenswerten Nutzen zeigen, denn erst die Kombination macht´s. Der Mensch braucht, um gut funktionieren zu können, ALLE 47 essentiellen Nährstoffe. Und wenn nur eines fehlt, dann gibt es schon Probleme. Stellen Sie sich ein Fahrrad vor. Auf welches von den beiden Rädern kann man verzichten? Da wird dann ein Fahrradrahmen ohne Räder genommen, man gibt eines hinzu und siehe da: kein signifikanter Effekt. Da fährt der Rahmen mit einem Rad auch nicht besser als der Rahmen ohne Räder. Ergebnis: Räder bringen dem Fahrrad nichts. Das sind die Studien die ich meine. Schrott.

Das Leben ist ganz einfach: die richtigen Nährstoffe, Bewegung, Regeneration/Mediation. Punkt. Gesundheit und Wohlbefinden sind dann unausweichlich.


Int J Cancer. 2014 Nov 1;135(9):2135-45. doi: 10.1002/ijc.28846. Epub 2014 Mar 24.Estimated intake of vitamin D and its interaction with vitamin A on lung cancer risk among smokers.Cheng TY1, Goodman GE, Thornquist MD, Barnett MJ, Beresford SA, LaCroix AZ, Zheng Y, Neuhouser ML.; http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24622914
Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

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