Bewegung für´s Hirn

  • Von Dr. Volker Zitzmann
  • 26. Februar 2018
  • Letzte Änderung: 27. Februar 2018
  • 14 Kommentare
  • 5 min Lesezeit

Bewegung ist die effektivste Art etwas für unser Gehirn zu tun. Zur Prophylaxe und Therapie von Hirnerkrankungen (Parkinson, Alzheimer, Schlaganfall, Demenz, u. a.). Warum? Ein paar Einblicke in die aktuelle Studienlage und ein kleiner Exkurs in die Hirnanatomie.
Morbus Parkinson und Morbus Alzheimer sind beides sehr häufige neurodegenerative Erkrankungen. Es kommt hierbei zum Verlust von Nervenzellen im Gehirn. Studien konnten zeigen, dass Bewegung erhebliche vorbeugende und therapeutische Effekte erzielen kann (1).

Morbus Alzheimer: Diese Studie (2) konnte Zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität innerhalb einer Zeitspanne von 4 Jahren das Risiko für das Auftreten eines M. Alzheimer um mehr als die Hälfte reduzieren konnte. 4 Jahre Bewegung, dafür 50 % Risikoreduktion für Alzheimer. Wenn sich das nicht mal lohnt. Das kann kein Medikament.

Quelle: Neurology. 2012 Apr 24; 78(17): 1323–1329. doi:  10.1212/WNL.0b013e3182535d35 (Schwarze Linie: wenig Bewegung, hohes Risiko für Alzheimer, Rote Linie: viel Bewegung, geringeres Risiko für Alzheimer)

Morbus Parkinson: Auch für den Morbus Parkinson konnte gezeigt werden, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für das Auftreten der Erkrankung um 40 % reduzieren kann (3).

Wir können das Risiko für das Auftreten dieser Erkrankungen also allein durch Bewegung um ca. die Hälfte reduzieren. Das ist enorm.

(Wie wir ja schon wissen, es werden Milliarden für Medikamente ausgegeben, die manchmal nur ein paar Prozente Besserung bringen, manchmal 3, manchmal 8 Prozent. Aber selten mehr. 50 % ist in der Medizin extrem viel. Könnte das ein Medikament leisten, wäre es viele Milliarden Euro wert. Bewegung dagegen kostet nur das Wissen und den Willen es zu tun.)

Aber auch bei bestehender Erkrankung kann Bewegung viel leisten und die Erkrankung verlangsamen, Symptome vermindern und die Lebensqualität erheblich steigern (4, 5, 6).

 Jeder Mensch mit Alzheimer oder Parkinson sollte zu einer gesunden Bewegung animiert und gefördert werden. Die Verbesserungen der Erkrankungen sind so deutlich. Kein Medikament kann nur annähernd eine ähnliche Wirkung erbringen. Aber leider ist eine Bewegungstherapie auch heute noch nicht Standard für alle Patienten in Deutschland. Obwohl es laut der Forschung so sein müsste.
Gegen neurodegenerative Erkrankungen ist Bewegung das derzeit effektivste und erfolgreichste Medikament auf dem Markt.

Warum kann Bewegung soviel für unser Gehirn tun? 
Dazu ein kurzer Blick in unser Gehirn. Der Großteil unseres Gehirnes ist für die motorische Funktion verantwortlich. Also für die Steuerung unserer Arme, Beine, Hände, Füsse, Gesichtsmuskeln und alle anderen somatischen Muskeln unseres Körpers (ca. 600 verschiedene).
Wir sehen hier die motorischen Nervenbahnen des Gehirns. Man beachte, wieviel Hirn nur für die Motorik beansprucht wird:

Der berühmte Homunculus zeigt uns, welche Gehirnbereiche für die Steuerung einiger Körperteile zuständig sind:

Man sieht an dem Bild, wieviel Hirnmasse alleine für die Steuerung der Hand notwendig ist. Was glauben SIE warum wir sowas wie Happy Hands machen? Der zweite große Teil ist das Gesicht. Die Repräsentation des Gesichtes nimmt ebenfalls einen großen Hirnanteil in Anspruch. Darum Happy Face.

Zum Vergleich: unser Sprachzentrum, das Broca-Areal ist in diesem, relativ kleinen Bereich des Gehirns zu finden:

Im Vergleich zur Steuerung der Hand, ist unser Sprachzentrum (Broca-Areal) deutlich kleiner. Daher ist häufig sogenanntes Gehirnjogging, also neue Sprachen lernen, Kreuzworträtsel, Lesen oder ähnliches zwar auch gut, um das Gehirn zu trainieren, aber Bewegung nutzt einen viel größeren Bereich des Gehirnes als Sprechen, Lesen oder Rechnen. In dem Hirnschema sehen wir das kleine Broca Areal. Daneben den großen Blau und Rot markierten Bereich für die Steuerung der Extremitäten. Benutzt man dazu noch das Sehen (gelb) wird ein Großteil des Gehirnes allein für die Auge-Hand-Koordination benutzt. Daher beansprucht Bewegung viel, viel mehr Hirnmasse als Sprechen oder Rechnen. (Wenn man dann noch auf die Anweisungen des Trainers hört, kommt noch der grüne Bereich, das Hören, hinzu. Und da wir meistens beide Körperseiten bewegen, findet das Ganze auch in beiden Hirnhälften statt. Und damit das linke Bein nicht nach links und das rechte Bein gleichzeitig nach rechts geht, wird das Ganze noch durch eine Kommunikation beider Hirnhälften untereinander koordiniert. Da sind viele Nervenfasern aktiv und beschäftigt.)

Somit sind auch die extrem positiven Effekte der Studien über Bewegung zur Verbesserung von neurodegenerativen Erkrankungen zu erklären. Bewegung kann mehr, als alles andere. Das beste Gehirntraining, der erhalt der Nervenfunktionen, ist und bleibt Bewegung. Und wie wir wissen, Nervenfunktionen bleiben nur erhalten und regenerieren sich wieder, wenn man sie benutzt. Daher das medizinische Sprichwort: use it or lose it!

Speziell koordinativ anspruchsvolle Bewegung ist also für die optimale Förderung der Gehirnfunktion unentbehrlich.

Dafür haben wir Kurse wie Happy Hands, Happy Face aber auch Bounce oder vielleicht sogar mal ein Step Kurs (ist koordinativ gar nicht so einfach, vor allem für uns Männer: wir haben leider ein kleineres Corpus Callosum. Das ist die Nervenverbindung zwischen linker und rechter Hirnhälfte. Daher fallen uns koordinative Übungen wie Tanzen oder Step Kurse häufig deutlich schwerer. Aber es gibt ja nun mal fast nichts, was man nicht trainieren/lernen kann 😊)


PS: natürlich können Nährstoffe auch einen großen Anteil dazu beitragen. Das wird in der Medizin gerne vergessen. Das Thema hatten wir ja erst letztens in den News. Aber das wissen Sie ja schon alles. Auch das Thema Bewegung wird in der Schulmedizin gerne vergessen. Nun, dafür haben Sie ja uns.

Quellen:

  1. Psychol Med. 2009 Jan;39(1):3-11. doi: 10.1017/S0033291708003681. Epub 2008 Jun 23.Physical activity and risk of neurodegenerative disease: a systematic review of prospective evidence.Hamer M1, Chida Y.

  2. Neurology. 2012 Apr 24; 78(17): 1323–1329. doi:  10.1212/WNL.0b013e3182535d35PMCID: PMC3335448Total daily physical activity and the risk of AD and cognitive decline in older adultsA.S. Buchman, MD, P.A. Boyle, PhD, L. Yu, PhD, R.C. Shah, MD, R.S. Wilson, PhD, and D.A. Bennett, MD

  3. Neurology. 2010 Jul 27;75(4):341-8. doi: 10.1212/WNL.0b013e3181ea1597.Physical activities and future risk of Parkinson disease.Xu Q1, Park Y, Huang X, Hollenbeck A, Blair A, Schatzkin A, Chen H.

  4. Clin Interv Aging. 2015 Jan 7;10:183-91. doi: 10.2147/CIA.S68779. eCollection 2015.Comparison of strength training, aerobic training, and additional physical therapy as supplementary treatments for Parkinson's disease: pilot study.Carvalho A1, Barbirato D2, Araujo N2, Martins JV3, Cavalcanti JL3, Santos TM4, Coutinho ES5, Laks J1, Deslandes AC2.

  5. Geriatr Gerontol Int. 2014 Apr;14(2):259-66. doi: 10.1111/ggi.12082. Epub 2013 May 6.Effect of a multimodal exercise program on sleep disturbances and instrumental activities of daily living performance on Parkinson's and Alzheimer's disease patients.Nascimento CM1, Ayan C, Cancela JM, Gobbi LT, Gobbi S, Stella F.

  6. Afr Health Sci. 2016 Dec;16(4):1045-1055. doi: 10.4314/ahs.v16i4.22.Aerobic exercise improves quality of life, psychological well-being and systemic inflammation in subjects with Alzheimer's disease.Abd El-Kader SM1, Al-Jiffri OH2.

Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

14 Kommentare
  • Lieber Volker, deswegen bewege ich mich soviel wie möglich ....ab einem gewissen Alter (53) will man solang wie möglich fit bleiben!!! Nicht nur körperlich sonden auch geistig!! Danke für den aufschlußreichen Beitrag ?Lg.Kerstin
  • Angelika H. vor 1 Jahr
    Super Beitrag, sehr anschaulich! Vielen vielen Dank! Let's bounce!
  • Ursula vor 1 Jahr
    Wunderbar, herzlichen DANK!
  • Heike vor 1 Jahr
    Super Beitrag Volker, Danke Sylvia, ja leider und vielleicht auch ein Grund warum nur relativ wenig Menschen motiviert sind Prävention zu betreiben... ich hab früher regelmäßig verschiedene kassenmitfinanzierte Kurse gemacht, aber seit ich (ebenfalls durch die Trampolinkurse) auf Purlife gestoßen bin finde ich das hiesige Angebot nur noch kümmerlich und hier erheblich besser aufgehoben.
  • Sylvia vor 1 Jahr
    Das die Krankenkasse zwar eine notwendige Behandlung komplett bezahlt, aber keine Vorsorge - selbst wenn der Trainer hier vor Ort alle notwendigen Nachweise hat, so dass es erstattungsfähig ist, habe ich von meiner Krankenkasse schriftlich. Verständlich? Für mich nicht der Kurs hätte 80 Euronen gekostet, ich weiß durch meine Mutter, was die Krankenhauskosten vor 5Jahren betragen haben :/ Gut es heißt ja auch gängiger weise Krankenkasse und Gesundheitskasse - so ist es verständlich. Immerhin hat man mir viel Erfolg gewünscht, wenn ich es trotzdem versuche. Klar. mache ich das, zu mal ich dann noch dank meines Trampolins auf Pur-Life gestossen bin und die haben auch das Schleudertrauma, wegen der Antwort der Krankenkasse beseitigt.😉 http://sylviatubbesing.de/?p=2096
  • Sabina vor 1 Jahr
    Super Beitrag und sehr motivierend für mich, danke dafür!
  • Kerstin vor 1 Jahr
    pur bounce - Koordination, Schwingung, und Kräftigung des Herz-Kreislaufsystems - was will Mensch mehr, um für das Altern gerüstet zu sein - leider wird diese Erkenntnis noch viel zu selten im Alter genutzt, um bereits erkrankten Menschen die Situation zu erleichtern...
  • Petra vor 1 Jahr
    Sehr interessant, das sollte sich jeder merken und auch beherzigen.
  • Sandra vor 1 Jahr
    Interessanter Artikel und motivierend gleich dazu um weiter zu machen mit dem täglichen Training. Danke Volker!
  • Doris B. vor 1 Jahr
    Gut zu wissen! Vielen Dank für diese interessante Aufklärung ?
  • Annette vor 1 Jahr
    Großartiger Beitrag. Danke schön !
  • Ina vor 1 Jahr
    Danke Volker, dieser Artikel ist mehr als interessant???
  • Ute W. vor 1 Jahr
    Lieber Volker, vielen Dank für den informativen Beitrag. Es ist schön zu wissen, dass man hier nicht nur etwas für seine körperliche Fitness macht, sondern gleichzeitig auch das Gehirn trainiert wird. Solche tollen Infos bekommt man nur bei Pur-Life. ??
  • Reinhild vor 1 Jahr
    Herzlichen Dank an unseren fleißigen Doktor für den interessanten aufschlussreichen Beitrag.

https://pur-life.net/api

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