Bewegung mit Übergewicht

Bei Übergewicht wird immer „Sport“ empfohlen. Theoretisch ist diese häufige Empfehlung sicherlich richtig. Aber praktisch leider vollkommen unbrauchbar. Da sitzen Sie, unsere Patienten, vor uns. Mit sagen wir 130 kg Körpergewicht, noch nie irgendwas mit Sport zu tun gehabt und dann sagen die Hausärzte oder Kardiologen u. a.: „Sie müssen Sport treiben“. Diese Aussage würde ich fast schon als Kunstfehler bezeichnen. Trotzdem, Alltag bei meinen Kolleginnen und Kollegen in der täglichen Praxis. Es ist zwar gut gemeint. Aber wie gesagt, leider vollkommener Unfug.

Schön hat das Prof. Dr. med. Martin Halle, Leiter des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München auf einer Fortbildung mal geschildert, darf ich grob zitieren?

„Da sitzt Lieschen Müller, 63 Jahre, 120 Kilo, in der Praxis beim Arzt mit den typischen Beschwerden: Bluthochdruck, Fettleber/Hypercholesterinämie/Diabetes, Gicht, Gelenkbeschwerden, allgemeine Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen u.s.w.. Was der typische deutsche Patient halt so hat. Gegen all das hilft bewiesenermaßen Sport. Studien beweisen das. Die Wissenschaft dazu ist eindeutig. Was macht also der brave Arzt nach allen Regeln der Kunst? Er schickt Lieschen Müller mal in eine Sportgruppe. Da geht dann Lieschen Müller auch brav hin. Und dort wartet schon Jenny, die Trainerin, hoch motiviert mit ein paar Walking-Stöcken auf Ihre neuen Teilnehmer. Gibt jedem ein paar Stöcke in die Hand und sagt: „so, zum Anfang gehen wir einmal ganz entspannt 15 Minuten in die eine Richtung und dann wieder zurück.“ Nette Idee. Aber Lieschen Müller wird leider niemals am Startpunkt wieder ankommen. Denn Lieschen Müller wird beim Gehen schon nach 5 Minuten im anaeroben Bereich sein, hechelnd, völlig außer Atem und am Ende Ihrer Kräfte. Sie wird sich auf eine Bank setzen, ausruhen und dann langsam irgendwie nach Hause fahren, mit dem Taxi oder dem Bus. Und ganz sicher, nie und nimmer ein zweites Mal zu Jenny in die Sportgruppe kommen. Sie wird zu Hause demotiviert sitzen und sich sagen, „Sport ist halt nichts für mich. Da kann man nichts machen. Da behalte ich lieber meine Erkrankungen. Alles besser als diese Gruppe“. “

Wo ist der Fehler? Lieschen Müller hat noch nie Sport gemacht, geschweige denn regelmäßige Bewegung. Würde man Lieschen Müller einer Laktat-Leistungsdiagnostik auf dem Laufband unterziehen, würde man sehen, dass schon der Ruhezustand für Lieschen Müller anstrengender ist, als 8 km/h Joggen eines erfahrenen Sportlers. Lieschens Laktat würde bei 2 km/h Gehgeschwindigkeit schon langsam ansteigen und bei langsamen Gehen von 4 km/h schon über die Laktatschwelle in den anaeroben Bereich rutschen. Bei den 6km/h in der Walking-Gruppe von Jenny, würde Lieschen schon hoch im anaeroben Bereich, bei einem Laktat von 4 mmol/l sein. Also völlig außer Atem, im hohen Laktatbereich, völlig übersäuert. Das macht Übelkeit, Muskelschmerzen und zwingt einen die Aktivität zu beenden. Das Unwohlsein durch den hohen Laktatspiegel macht einem das ganze zum Garaus und sicherlich eine Abneigung gegen jede Wiederholung der Sache. Die gutgemeinte Idee vom Arzt, Lieschen Müller ein bisschen sportlicher, fitter und gesünder zu machen ist leider vollkommen in die Hose gegangen.

Kein Sonderfall, sondern Alltag in deutschen Arztpraxen. Leider wurde so wieder mal keinem geholfen.

Es gibt einen guten Grund, warum wir hier immer von „Bewegung“ sprechen und nie von „Sport“. Viele Lieschen Müllers, haben so ein Erlebnis hinter sich und verbinden mit Sport etwas Unmögliches, etwas Unerreichbares, Übelkeit, Schmerzen und eine extreme Abneigung dagegen. Zurecht.

Lösung: Eine der aktuellen Leistungsfähigkeit angepasste körperliche BEWEGUNG.

  1. Gaaanz laaangsam anfangen: die ersten 3 Wochen täglich 5 Minuten Bewegungskurse, z. B. Give me Five Rückentraining.
  2. Nach 3 Wochen langsame Steigerung, z.B. zwei mal pro Woche zusätzlich einen längeren Kurs dazu: Forever young
  3. Alle 3 Wochen eine leichte Steigerung: anstatt 5 Minuten, dann mal 7 Minuten pro Tag.
  4. Nicht täglich steigern, sondern erst, wenn das tägliche Training zu leicht wird. Üblicherweise alle 3 Wochen jeweils eine kleine Steigerung einbauen.
  5. Große Erfolge stellen sich bekanntermaßen immer nach 6 Wochen und dann nach 6 Monaten ein. Also nicht zu schnell zu viel machen. Aber dafür konstant. Täglich!!!!

 

Wer dann noch Lust darauf hat, kann nach 6 Monaten mal in Jenny´s Walking-Gruppe gehen. 😊

Viel Erfolg beim Bewegen. Bewegung ist Gesundheit und Spaß! Bewegung ist für die positiven Effekte und die bessere Lebensqualität zuständig. Das ist pur-life. Sport ist für ein paar einzelne um berühmt zu werden und damit Geld zu verdienen (hat ja auch seine Berechtigung: in diesem Sinne, viel Freude beim Fußballgucken. Das mach ich heute auch).

 

Über den Autor
Dr. Volker Zitzmann

21 Kommentare
  • Sarah S. vor 6 Monaten
    Sehr schön zu hören das Sport nicht immer ohne Einschränkungen machbar ist. Ich habe in 10 Jahren gute 20 Kilo zugelegt trotz gesunder Ernährung. Bin von Arzt zu Arzt gerannt, habe Ernährungsberatungen, 4x wöchentlich mind. 1 Stunde Fitnessstudio mit Kraft und Ausdauertraining hinter mir, sogar eine Adipositas Reha mit insgesamt 7 Wochen habe ich gemacht um einen Grund zu finden warum mein Gewicht einfach nicht runter will. Was hört man von den Ärzten? Ihre Blutwerte sind super, aber trotzdem sind sie viel zu dick sie müssen abnehmen, 2 Stunden Sport am Tag müssen es schon sein damit sich da was tut... Bis mein Kollege aus dem Controlling (!!!!) mir sagte ich soll zum Venenarzt und mich auf Lipödem untersuchen lassen. Mein Hausarzt hat mich belächelt als ich das sagte, aber mir die Überweisung geschrieben.... und siehe da! Ich habe ein Lipödem... kronische Fettverteilstörung.... ich kann soviel sport machen und mich so gesund Ernähren wie ich will... da wird sich leider nicht viel tun. Aber Ärzte schauen einen nur an stempeln einen ab man ist zu dick und verdonnern einem zum sport machen.... Da muntert der artikel richtig auf, dass es doch nicht alle so sehen!
  • Nicole Hahn vor 1 Jahr
    genau das habe ich gesucht, ein online fitti, was einen langsam mit 20 kilo übergewiht an die bewegung ranbringt. habe schon einige probiert und meist hat immer nur so 30 minuten kurse, deklariert für anfänger und nach zehn minuten gibt man frustriert auf, weil die übungen für mich entweder nicht durchführbar sind, oder man eben so aus der puste ist, das man abbrechen muss. hier fühle ich mich gut aufgehoben
  • Edda vor 1 Jahr
    Super Artikel! Als ich wegen eines Bandscheibenvorfalls auf Reha war, sagte der Trainer, Sport ist relativ, für manchen Mensch ist die Runde ums Haus -zu Fuß- am Anfang Sport genug. Nimmt den Druck. Seit dem mache ich gerne Sport und er fehlt mir, wenn ich mal nicht dazukomme. 😸
  • H. vor 1 Jahr
    Wissen nacht "Ahhhh" - so kann ich meiner Freundin besser helfen/beistehen bzw. -laufen. Mit dieser Erklärung der biochemischen Abläufe ist sie als Kopfmensch gut anzusprechen und ich habe eine Verabredung mehr zum Laufen! Merci.
  • Vielen Dank lieber Volker. Das hilft mir für mein Studium wieder ein Stück weiter. Solchen Menschen möchte ich später gerne einmal helfen, wenn ich fertig bin.🙂
  • Sehr gute Information und super geschrieben! Danke!
  • Martina B. vor 1 Jahr
    Lieber Volker, vielen Dank für Deine Erlaubnis diesen Text auf fatsecret zu posten. Ich hoffe das gibt vielen weiteren Mut und Ansporn.
  • Jutta A. vor 1 Jahr
    Super Mutmacher! Ich hatte vor einigen Tagen die GM5-App fürs Rückentraining entdeckt und gleich angefangen - aber da war auch sofort wieder der Gedanke: "Reicht das denn? Muss ich nicht viel mehr machen, damit es was bringt?" Der Artikel hat mir die Frage eindeutig beantwortet und 'nen Motivationsschub zum Weitermachen gegeben - Danke!
  • Reinhild vor 1 Jahr
    So schön plausibel beschrieben und hiermit wieder bewiesen,daß am Anfang WENIGER am Ende doch MEHR ist. Eine richtige Beratung ist halt schon ein Großteil Therapie. Vielen Dank.
  • Heike vor 1 Jahr
    Super geschrieben🙂
  • Britta vor 1 Jahr
    Endlich mal wahre Worte! Dankeschön! Als Lieschen Müller hat man es ja tatsächlich nicht immer leicht, mit den "Sportlern" mitzuhalten. Seit ich Pur Life mache und im Kurs oft gesagt bekomme "mach soviel, wie du kannst", versuche ich nicht mehr krampfhaft, erfolglos und frustriert, den anderen zu folgen, sondern lediglich Spaß an der Bewegung zu haben. Auf dem Bellicon einfach mal nur weiter mitzuschwingen anstatt auf und ab zu hüpfen und mit den Armen zu "wedeln", wenn ich dabei merke, der Atem wird weniger. Nach jahrelanger Sportabstinenz möchte ich einfach nur noch Spaß daran haben, etwas für mich und meinen Körper zu tun. Und den habe ich nicht, wennich dauerhaft merke, es fluppt nicht.
  • Petra vor 1 Jahr
    Dieser Bericht öffnet so manche Augen. Wirklich interessant. Vielen Dank. 😃👍
  • Ursula H. vor 1 Jahr
    Genau, stimme ich vollkommen zu. Wer noch nie in seinem Leben Sport gemacht hat, kann sich halt nicht von heute auf morgen daran gewöhnen. Deshalb gaaaanz... langssam anfangen und dabei natürlich auch die Ernährung beachten. So müsste es dann klappen und es sollte ja auch Spaß machen.
  • Sabine vor 1 Jahr
    Herrlich bodenständiger Artikel, mit ordentlich gesundem Menschenverstand gewürzt. So bleibts am besten hängen und man vergißt nicht, daß der menschliche Körper, keine seelenlose Maschine ist. Bitte mehr davon.
  • So was Ähnliches hab ich auch durch, nicht wegen des Gewichtes, aber nach meiner ersten Bandscheiben-OP in der LWS bekam ich ein Anschluss-Programm verpasst, wo übermotivierte Trainer mit mir falsche Übungen mit zu viel Gewicht gemacht haben und auch meine Entscheidung, einige Dinge jetzt anders oder gar nicht zu machen, nicht akzeptierten. Das Ende vom Lied war ein weiterer Bandscheibenvorfall in der HWS, der sofort operiert werden musste und ein Rückfall an dem vorher operierten BSV in der LWS. Das Ganze hat mich fast ein Jahr arbeitsunfähig gemacht. Deshalb bin ich so froh, hier gelandet zu sein, seither sind meine Schmerzen Vergangenheit und ich bin wieder mit Freude beim Sport. Und nie wieder lasse ich mich zu irgendwas überreden, was mir nicht gut tut.
  • Tanja Markert vor 1 Jahr
    Echt klasse und so praxisnah geschrieben... Das finde ich an Pur- life so genial, dass es mich motiviert soviel zu machen wie geht und ich mich selbst steigern konnte...ohne Gruppendruck oder aehnliches...und ich dabei Spaß habe...
  • Lydia G. vor 1 Jahr
    Nach jahrelangem Versuch den Trainer beim Kickbox-Fitness zu kopieren und den Körper völlig falsch zu überfordern, erleichtert und entspannt es mich auch sehr, dass es hier "kein Falsch" gibt, dass jede Bewegung zählt und der eigene Körper der Master bleibt. Es geht auch sanft...niemand muss sich verbiegen! Spaß und dauerhafte Freude sind die Erfolgsfaktoren. Danke f diesen Beitrag.
  • Ursula K. vor 1 Jahr
    Vielen lieben Dank für diesen Text. Ich weine ein bisschen vor Befreiung. "Mache das was Du kannst" - für sich in Anspruch zu nehmen, war bei mir auch erst etwas was in meinem Gedanken ankommen musste. Jetzt nehme ich schon wahr, dass ein bisschen mehr geht.
  • Ina vor 1 Jahr
    DANKE????????
  • Sandra vor 1 Jahr
    super geschrieben🙂 die Ärzte meiner Wahl wären Dr. Volker & Dr. Strunz
  • Anja vor 1 Jahr
    Gute Informationen! Danke!

https://pur-life.net/api

Hast du Fragen?

Mein Team und ich stehen Dir gern für Fragen zur Verfügung.


+49 (0)6471 50 60 81
[email protected]